Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

II. Der Monarch und seine Stellvertretung

II. Der Monarch und seine Stellvertretung Die oberste Leitung der Kabinette bzw. der Kabinettskanzlei lag stets — auch in der Zeit des Kabinettsministers Colloredo — in der Hand des Monarchen. Er erließ die Normen für die Geschäftsordnung, er ernannte, beförderte, entließ, pensionierte die Beamten und übte die Disziplinar­gewalt über sie. Die Habsburger sind, soweit wir darüber unterrichtet sind, mit Ausnahme Kaiser Karls I., der mündlichen Vortrag des Kabi­nettsdirektors vorzog, eifrige Schreibtischarbeiter gewesen. Das Ausmaß ihrer Arbeitsleistung war insbesonders bei Maria Theresia, Joseph II., Franz I. (II.) und Franz Joseph I. erstaunlich groß. Von Kaiser Karl VI. berichtet der venetianische Nuntius Marco Foscarini 1736, daß er sehr eifrig und rasch die Expeditionen bearbeite, Änderungen vornahm und eigene Weisungen beifügte *). Kaiserin Maria Theresia hatte zu Beginn ihrer Regierung eine so zwanglose Tageseinteilung, daß ihr vertrauter Mentor Manuel Graf Silva Tarouca ihr deshalb Vorstellungen machte und ihr riet der Erledi­gung der täglichen Staatsgeschäfte bestimmte Stunden — Vormittags ab halb zehn Uhr, Nachmittags ab vier Uhr — zu widmen 1 2 *). Seine Vorstel­lungen dürften Erfolg gehabt haben, denn wenige Jahre später wird uns erzählt, daß die Kaiserin des Winters um 6 Uhr, des Sommers um vier oder fünf Uhr aufstand, den Vormittag den Regierungsgeschäften widme­te — Berichte las, Schriftstücke unterfertigte oder Konferenzen beiwohnte — und um ein Uhr speiste, wozu sie ungefähr eineinhalb Stunden auf­wandte. Im Sommer, manchmals auch im Winter machte sie sodann einen Spaziergang, um sich hernach bis sieben Uhr abends wieder der Arbeit zu widmen 8). 1747 berichtet der preußische Gesandte Graf Podewils, daß sie jeden Morgen mit dem Kabinettssekretär Koch arbeite und sich von ihm über die eingelaufenen Schriftstücke Vortrag erstatten lasse 4). Diese Zusammenarbeit mit dem Kabinettssekretär wird auch 1753 von Johann Joseph Fürst Khevenhüller, dem damaligen Oberstkämmerer der Kaiserin, bestätigt 5 * *). Als sie 1767 an Blattern erkrankte, vertrat Kaiser Joseph sie in den Regierungsgeschäften, doch kaum auf dem Wege der Besserung 1) Relation vom 15. 9. 1736, Arneth in FRA., Bd. 22, S. 129. 2) E. Silva-Tarouca, Der Mentor der Kaiserin, Zürich-Leipzig-Wien 1960, S. 162 ff. 3) C. Hinrich, Friedrich der Große und Maria Theresia, Berlin 1937, S. 53. 4) Bericht Podewils 19. 8. 1747, SBWA., phil.-hist. Kl., Bd. 5, S. 524 f. 5) Aus der Zeit Maria Theresias, Tagebuch des Fürsten Joh. Jos. Graf Khe­venhüller-Metsch, Bd. 1751—1755, S. 132.

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