Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

VII. Kurzbiographien der Leiter der Kabinette, der Kabinettsdirektoren und der Sektionschefs - 2. Die Sektionschefs

366 ren. Zu diesem Zwecke hatte auch ein Sektionschef jedes Ministeriums den Erzherzog über die dem Kaiser erstatteten Vorträge seines Ministe­riums zu unterrichten. Vom Ackerbauministerium wurde Seidler hiemit beauftragt, der die besondere Wertschätzung des Thronfolgers gewann 186). Am 1. Juni 1917 übertrug ihm der nunmehrige Kaiser Karl das Porte­feuille des Ackerbauministers im Kabinett Clam-Martinitz. Ende Juni stürzte das Ministerium darüber, daß das von ihm eingebrachte Budget­provisorium keine parlamentarische Mehrheit fand. Der Kaiser beauftrag­te nun Seidler am 23. Juni, zunächst eine provisorische aus Beamten und Fachmännern bestehende Regierung, und nachdem diese das Budgetpro­visorium zur Annahme gebracht hatte, am 31. Juli eine definitive Regie­rung auf parlamentarischer Basis zu bilden 187 *). Seidler gelang dies wohl, aber die kriegsbedingte, wachsende Ernährungsnot und das schließlich zum Zerfall der Monarchie führende Streben der nichtdeutschen Nationen nach staatlicher Selbständigkeit in allen seinen Äußerungsformen mach­ten die Regierung Seidlers allmählich unhaltbar. Der Kaiser enthob ihn daher am 25. Juli 1918 seines Amtes und ernannte ihn zum Kabinetts­direktor. Am 20. August wurde er als solcher beeidet; am gleichen Tage trat er sein Amt an 18S). Auch Seidler hatte wie sein Vorgänger dem Kaiser über alle Geschäftsstücke zu referieren; er scheint aber nicht den­selben Einfluß wie jener auf den Kaiser besessen zu haben. Zur Überzeu­gung gelangt, „daß ein ehemaliger Politiker für die Stellung des Kabi­netts-Direktors ... sich im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr eignet“, bat er im November 1918 um Versetzung in den Ruhestand, die ihm Kaiser Karl am 9. jenés Monats gewährte 189). Am 23. Jänner 1931 ist Seidler in Wien gestorben 19°). 2. Die Sektionschefs Josef Kundrat (seit 20. 12. 1890) von Lüftenfei d. Kundrat wurde am 16. März 1836 in Wien geboren. Er absolvierte die juridisch-politischen Studien und legte alle Staatsprüfungen und die Ober­gerichtsprüfung ab. Am 3. Október 1859 trat er als Konzeptskandidat bei der Finanzlandesdirektion Wien in den Staatsdienst. Am 18. November 1859 zum Konzeptspraktikanten ernannt, wurde er am 16. September 1860 zur Finanzbezirksdirektion versetzt. Am 2. März 1862 wurde er zur aushilfsweisen Dienstleistung in das Finanzministerium einberufen. 1864 wurde ihm von der Triester Finanzdirektion eine Konzeptspraktikanten­stelle verliehen, er nahm diese aber nicht an, da er nicht darum angesucht hatte und die Annahme dieser Stellung eine finanzielle Verschlechterung 186) Lorenz, Kaiser Karl, S. 192. 187) Polzer-Hoditz, Kaiser Karl, S. 406 L, 477, 552. i»8) Direktionsakt 22/1918. 189) Direktionsakt 40/1918. loo) Neue Freie Presse Nr. 23837 vom 24. 1. 1931, S. 4f.

Next

/
Thumbnails
Contents