Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

II. Der Monarch und seine Stellvertretung

95 redo, daß er so, wie wenn der Kaiser abwesend sei, die Expeditionen zu besorgen habe 71 72 * *). Kaiser Franz II. bevollmächtigte, bevor er 1794 in die Niederlande und zur Armee im Feld abging, am 31. März seinen damals einundzwan­zigjährigen Bruder Erzherzog Leopold, um Hemmungen in den inländischen Geschäften zu vermeiden „alle Geschäfte auf die Art, wie es dermalen von Mir geschieht, zu besorgen und zu expediren“. In gleicher Weise übertrug er ihm die Erledigung der Angelegenheiten des Hofes. Der Erzherzog fertigte „In Abwesenheit S. M. des Kaisers“. Die Stellen wurden verständigt, daß der Kaiser dem Erzherzog „die nöthigen Befehle und vollkommene Vollmacht ertheilt“ habe, „alle Geschäfte auf eben die Art, wie es dermalen von Mir geschieht zu besorgen und zu expediren“. Alle Vorträge und Berichte „werden ... hierauf entweder von Ihme in Meinem Namen oder unmittelbar von Mir die Entschließungen erhalten“, welchen wie allen vom Erzherzog ergehenden Aufträgen und Befehlen Folge zu leisten sei. Zugleich wurde FM. Lacy beauftragt, die hofkriegs- rätlichen Geschäfte, die ihm Leopold zuweisen werde „Ihme, wie bis nun, mit den gewöhnlichen Resolutionsentwürfen heraufzugeben, der solche sodann ... erledigen wird“. Ein schriftlicher Auftrag an den Erzherzog ist nicht erhalten; welche Geschäftsstücke sich der Kaiser zur Erledigung vor­behält, läßt sich nur erschließen. Wir wissen nur, daß er sich jene Inter- zepte, welche bezüglich auswärtiger Staaten wichtig waren, nachsenden ließ; diese waren von der Staatskanzlei zu versiegeln, „zu der Aufschrift an Mich das Wort Soli zu setzen“ und im Kabinett abzugeben. Die Wahl des Kaisers war auf Erzherzog Leopold gefallen, weil er nach dem Erz­herzog Ferdinand, der in Toskana herrschte, und Erzherzog Carl, den seine militärischen Aufgaben beanspruchten, der älteste seiner Brüder war. Am 30. Juli 1799 ordnete Franz, um sich während seiner bevorstehenden Badekur im nahegelegenen Schwefelbad Baden der minder wichtigen Ge­schäfte entledigen zu können, an, daß Kolowrat wöchentlich staats- rätliche Konferenzen abhalte, die Stücke, bei denen sich keine Anstände ergeben, erledige, die Resolutionen auf die Vorträge verfasse, sie „mit dem Vidit consilium status, wie es sonst bei Abwesenheit des Souverains gewöhnlich war“, versehe und zur Legalisierung unterfertige. Diesen Konferenzen hatte ein Hofsekretär des Kabinetts beizuwohnen, der über 71) Tagebuch Colloredos, Habsb.-lothr. Familienarchiv, Sammelbd. 40, ge­druckt C. Wolfsgruber, Franz I., Bd. 2, S. 223. Ein schriftlicher Niederschlag die­ses Auftrages konnte nicht gefunden werden. 72) Handschreiben an Baron Reischach, 31. 3. 1791, StR., ZI. 1140, ferner StR. ZI. 1614/1791, Handschreiben an den Obersthofmeister 31. 3. 1791, OMeA. r. 144, ZI. 293, B 206 an Baron Reischach, Fürst Starhemberg, FM Wallis, Graf Kolowrat, Graf Palffy, Graf Teleky, Graf Cobenzl, Graf Clary, Graf Per­gen, Graf Lazansky, Bill. Prot. Vgl. auch B 205 an Colloredo vom gleichen Tage, Habsb.-lothr. Familienarchiv, Sammelband 41 u. Bill. Prot.

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