Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

Die österreichischen Archive und die (Jeschichtswissenschaft 89 men hat60) und deren einzelne Stücke wohl nie mehr an ihre richtige Ver­wahrungsstelle zurückgekehrt sind. Johann Nepomuk Kaiser hat sich aus dem Universitätsarchiv Material beschafft, im übrigen war aber doch das Haus-, Hof- und Staatsarchiv die gegebene Stätte, das den Rahmen für den Diplomatikunterricht abgeben konnte. Es waren aber gerade gewisse Un­zukömmlichkeiten, die zum Widerruf der anfänglich gegebenen Bewilligung und auf diese Weise unter der Einwirkung der starken Persönlichkeit Sickels zur Konzentration des Unterrichts in den historischen Hilfswissen­schaften im Lehrgang des Instituts für österreichische Geschichtsforschung führten 61). Damit steht auch das Unternehmen der Monumenta graphica, das Sickel in die Wege leitete, in engster Verbindung62). Dieses große Faksi­milewerk, eine Glanzleistung des damaligen Großösterreich in wissenschaft­licher und technischer Beziehung, steht auch in enger Beziehung zur in­neren Geschichte des österreichischen Archivwesens63). Die erstmalige Anwendung des photographischen Reproduktionsverfah­rens begegnete Bedenken und brachte eine Ablehnung des Ministeriums des Äußeren, Urkunden des Haus-, Hof- und Staatsarchivs zu verwenden, trotz­dem dieses dagegen nichts eingewendet hatte64). Es dürften dabei auch persönliche Gründe mitgespielt haben, der Gegensatz Dudik-Sickel hat die Sache ungünstig beeinflußt. Nach außen führte man allerdings eigenartige Argumente ins Treffen, man erklärte, verhindern zu wollen, daß die im kaiserlichen Besitz stehenden Archivalien durch Vervielfältigung entwertet würden, obwohl die Hofbibliothek ihre Handschriftenschätze ohne Ein­schränkung zur Verfügung stellte65). Sickel mußte sich daher in anderen österreichischen Archiven nach geeigneten Vorlagen umsehen. Er bereiste weite Teile der Monarchie und verstand es vor allem auch, das reiche Material der oberitalienischen Pro­60) Kurzgefaßtes Lehrsystem seiner diplomatischen und heraldischen Kol­legien. Zweyte, neuumarbeitete, vermehrte und für die österreichische Jugend brauchbarer eingerichtete Auflage mit 6 Kupfern, Wien 1789, S. 22 f. 61) Universitätsarchiv Wien, Konsistorialakten, ZI. 17 u. 58 aus 1844. Dazu erklärte die Studienhofkommission (4 C 3—3226/1844, Alig. Verwaltungs­archiv), eine eigene Lehrmittelsammlung sei nicht nötig, da die Universitäts­und Hofbibliothek sowie das Haus-, Hof- u. Staatsarchiv zur Verfügung stün­den. Sickel erklärte mit Nachdruck, daß er für den Diplomatikunterricht zum Unterschied von der Paläographie unbedingt Originale benötige (Alig. Ver­waltungsarchiv: Min. f. Kultus u. Unterr., ZI. 14406/1858). 62) Darüber geben die Akten d. Min. f. K. u. Unterr. eingehend Aufschluß (a. a. O., 4 Philos., Mon. graphica). A. Lhotsky, Geschichte d. Instituts f. österreichische Geschichtsforschung. Mitt. d. Inst., Erghd. 17 (1954), 37, 53 ff. 6S) Die Anregung zur Verwendung der Photographie geht auf Josef Feil zurück. Vgl. Sic kel, Römische Erinnerungen, hgg. v. L. Santifaller = Veröffl. d. Inst. f. österr. Geschichtsf. 3 (1947), 87 ff. 64) Haus-, Hof- u. Staatsarchiv: Staatskanzlei, Interiora: Archiv, Fasz. 8. 65) Alig. Verwaltungsarchiv: Min. f. K. u. Unterr., ZI. 10866/1857.

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