Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive und die Geschichtswissenschaft

90 Walter Goldinger vinzen heranzuziehen. Eben dadurch, durch diese Reisen, lernte nun Sickel die Gebrechen des österreichischen Archivwesens kennen. Wenn wir sehen, wie er bei der Archivenquete von 1869, später in der Archivsektion der Zentralkommission für Kunst- und historische Denkmale, ein gewichtiges Wort zu sagen hatte und dabei seine meist treffenden Ansichten hervor­treten, so wird man dies nur teilweise auf seine Schulung in der École des chartes zurückführen können, vielmehr eine wesentliche Grundlage in jenen Erfahrungen erkennen, die ihm die jahrelange Arbeit an den Monumenta graphica vermittelt hat6®). Im Jahre 1874 wurde in den Lehrplan des Instituts für österreichische Geschichtsforschung die Archivkunde ein­geführt, für die in Franz Kürschner, der sich für historische Hilfswissen­schaften habilitiert hatte und aktiver Archivbeamter war, eine geeignete Kraft zur Verfügung stand. Kürschner ist früh verstorben#7). Den Gegen­stand übernahm Karl Uhlirz68 *). Nach der Berufung Redlichs nach Wien führte dieser das Kolleg über Archivkunde fort und hat in den Jahrzehnten seines Wirkens drei Generationen österreichischer Archivare unter­wiesen68). Seine Schüler Lothar Groß70) in Wien und Otto Stolz70®) in Inns­bruck haben in Anwendung der von Redlich in der Lehre von den Privat­urkunden geschaffenen Grundlagen auf das weite Gebiet des neuzeitlichen Aktenwesens in Verbindung mit den praktischen Erfahrungen ihres Berufes — beide nahmen im österreichischen Archivwesen hervorragende Stellungen ein — die beiden Disziplinen der Archiv- und Aktenkunde zu einem neuen Fach Archivwissenschaft zusammengefaßt, wobei auch des bedeutenden Anteils Ludwig Bittners gedacht sei, der sich in Theorie und Praxis um die Klärung grundlegender Fragen bemüht und es zu inter­nationalem Ansehen auf diesem Gebiet gebracht hat. Seine akademische Lehrtätigkeit blieb allerdings begrenzt, obgleich er mit dem Titel eines 66) Vgl. Bretholz, Zur Reorganisation des österreichischen Archiv­wesens. Aus Theodor von Sickels Nachlaß. Mitt. d. Inst. 11. Ergänzungsband (1929), 796 ff. ®7) Geboren am 23. März 1840 zu Ober-Bobran in Mähren, 1863—1865 Mit­glied d. Instituts, 1868 Mittelschullehrer, 1869 Adjunkt, 1874—1879 Direktor d. Hofkammerarchivs. Gestorben am 22. August 1882. Nekrologe in den Mitt. d. Inst. 4, 176; Almanach d. Akad. d. Wissenschaften in Wien 33, 154 ff. ®8) Geb. 13. Juni 1854 in Wien, gest. 22. März 1914 zu Graz. War 1875 bis 1877 Institutsmitglied, seit 1882 Kustos d. Bibliothek u. d. Archivs der Stadt Wien, 1903 Universitätsprofessor in Graz. Nekrologe in den Mitt. Inst. 36, 214—216; Almanach d. Akademie 64, 152—154. ®8) L. S a n t i f a 11 e r, Oswald Redlich. Ein Nachruf. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Geschichtswissenschaft (1948), 52. 70) Geboren am 13. September 1887 zu Heraletz in Böhmen, gestorben zu Wien am 31. Mai 1944. Nachrufe von Bittner, Almanach d. Akademie 95 (1947), 160—163; S r b i k, Historische Zeitschrift 169 (1949), 451; J. K. M a y r, Lothar Groß zum Gedächtnis. Der Archivar 4 (1951), 187—191. 70a) N. Grass, Österreichische Geschichtswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen 1 (1950), 89—118.

Next

/
Thumbnails
Contents