Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Von 1918-1945
Von 1918—1945 51 mußte, daß es dort halte, wo vor dreißig Jahren die Neuorganisation begonnen hatte. Eine solche Stimme hat sich tatsächlich am Archivtag zu Speyer 1927 erhoben M) und ein Jahr später hat Oswald Redlich bei der ihm zu Ehren abgehaltenen großen akademischen Feier anläßlich der Vollendung seines 70. Lebensjahres in Gegenwart des Bundespräsidenten mit fast den gleichen Worten den Zustand des österreichischen Archivwesens gekennzeichnet29 30). Am Archivtag zu Speyer hatten aber die Vertreter Österreichs noch eine weit traurigere Kunde zu vermelden, als sie über die knapp vorher erfolgte Katastrophe des Staatsarchivs des Innern und der Justiz, das im Wiener Justizpalast eine Heimstätte gefunden hatte und dort am 15. Juli 1927 ein Raub der Flammen geworden war, berichten mußten31). Dabei waren es gerade die wertvollsten Bestände, die vernichtet oder doch schwer beschädigt worden sind. Eine Fundgrube von Quellen zur inneren Geschichte Österreichs schien verloren zu sein32). Es darf als ein Ruhmesblatt der österreichischen Archivare angesehen werden, vor allem jener, die damals dort zugeteilt waren, daß sie unbeirrt und unerschüttert an die Arbeit des Wiederaufbaues gingen, kaum daß die Brandnester erloschen waren. Und das aussichtslos erscheinende Beginnen gelang. Vieles wurde aus Schutt und Asche geborgen und mit großer Wendigkeit unter Ausnützung der aus dem bescheidenen Wiederaufbaukredit sich ergebenden technischen Möglichkeiten wieder benützbar gemacht33). Allen denen, die dies schwere Werk vollbracht, diese unlösbar scheinende Aufgabe gemeistert haben, den wenigen Archivaren und ihrem kleinen Stab allzeit getreuer Mitarbeiter gilt der Dank der Wissenschaft und der österreichischen Verwaltung. Als es sich erwiesen hatte, daß der Bestand des Staatsarchivs des Innern und der Justiz dank der materiellen und geistigen Wiederaufbauarbeit gesichert war, woran man im ersten Augenblick nach der Katastrophe zweifeln konnte, da mußte auch organisatorisch für die Zukunft vorgesorgt werden. Es ist das Verdienst von Gustav Bodenstein 34), der alsbald die Leitung dieser Anstalt übernahm, die Möglichkeiten des weiteren Ausbaues erkannt und, was mehr bedeutet, auch erfolgreich durchgeführt zu haben. 29) V. T h i e 1, Die gegenwärtige Lage des österreichischen Archivwesens. Minervazeitschrift 4 (1928), 133 ff. 30) Bittner, Gesamtinventar 1, 122*. 31) J. Seidl, Das Brandunglück im österreichischen Staatsarchiv des Innern und der Justiz. Archivalische Zeitschrift 37 (1928), 184 ff. 32) Seidl, Das Staatsarchiv des Innern und der Justiz in Wien. Ebd., 36 (1927), 86 ff. 33) Seidl, Ordnungsarbeiten im österreichischen Staatsarchiv des Innern und der Justiz in Wien. Ebd., 39 (1930), 168 ff. 34) Geb. 30. Juni 1883 in Wien, seit 1906 im Archivdienst, zunächst im Hofkammerarchiv, seit 1924 im Staatsarchiv des Innern und der Justiz, dessen Leitung er 1933—1946 innehatte. 4*