Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Von 1918-1945
52 Walter Goldinger So wurden unter ihm die archivreifen Aktenbestände der österreichischen Zentralstellen für die innere Verwaltung im weitesten Sinn bis 1918 in das Staatsarchiv des Innern und der Justiz übernommen, das nunmehr das Schwergewicht seiner Arbeiten auf das 19. Jahrhundert verlegte und damit so recht zu einem Spiegelbild des franzisko-josephinischen Österreich wurde. Damit ist es aber nicht zu einem Sarg Altösterreichs geworden. Solche Befürchtungen hatte man gehegt, als nach dem Ende der Monarchie die Fortentwicklung des Kriegsarchivs in Frage gestellt schien. Im Gegenteil, das aus den Registraturen, die ja doch zumeist unter Raummangel litten, einströmende Material stellte den für die Archive lebenswichtigen Kontakt mit der laufenden Verwaltung stärker in den Vordergrund, erforderte aber auch zur Bewältigung und Durchdringung dieser Massen neue Wege. Auch das Haus-, Hof- und Staatsarchiv hatte ja seit 1918 mit ähnlichen Problemen zu ringen gehabt35), um deren Lösung sich in ihrem Bereich auch die Landesarchive bemühen mußten. Unter diesen Umständen wurde die Beschaffung neuer Räume für das Staatsarchiv des Innern und der Justiz vordringlich. Es gelang, im Akademietrakt der Stiftskaserne solche zu gewinnen36). Die Lage der Staatsfinanzen verhinderte allerdings einen Ausbau, wie ihn das im selben Gebäudekomplex untergebrachte Kriegsarchiv erhalten hatte37). In der Hauptsache schien nunmehr die weitere Entfaltung des Staatsarchivs des Innern und der Justiz, dem 1933 auch die alte Gratialregistratur, das frühere Adelsarchiv, eingegliedert wurde, gesichert. Es hatte damit einen Umfang von rund 40.000 Einheiten erreicht und kam schon damals den größeren österreichischen Archiven an Umfang nahe. Der beabsichtigte Ausbau des Bundesheeres ließ die Militärverwaltung wenig Jahre später auf die vom Staatsarchiv des Innern und der Justiz besetzten Räume in der Stiftskaserne greifen und verurteilte dieses zu einer neuen Übersiedlung. So erhielt es ein eigenes Haus im Stadtzentrum, in nächster Nähe des Haus-, Hof- und Staatsarchivs und des Niederösterreichischen Landesarchivs. Es ist kein eigener Zweckbau, doch genügt er im wesentlichen den Anforderungen. Auch hier hat Oswald Redlich eingegriffen und sich nachdrücklich bei den maßgebenden Faktoren für diese Lösung eingesetzt. Kaum war die Übersiedlung in Gang gekommen, brachten die durch die Auslöschung des selbständigen österreichischen Staates geänderten Verhältnisse eine wahre Flut von nunmehr archivreif gewordenen Aktenmassen, der Umfang der Bestände stieg auf das Doppelte. Aus der inneren Entwicklung des österreichischen Archivwesens zwischen 1918 und 1938 sind besonders zwei Momente herauszuheben, die 35) Bittner, Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in der Nachkriegszeit. Archivalische Zeitschrift 35 (1925), 141 ff. SD Bittner, Gesamtinventar 1, 122*, Anm. 3. 37) Österreichisches Jahrbuch für 1929, 254—261.