Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Von 1918-1945
50 Walter Goldinger Der Ausbau der Bundesverfassung durch die Novelle von 1925 hat auch in den Ländern den Archiven die praktisch schon längst verwirklichte organisatorische Loslösung von Wien bestätigt55). Die Aufgaben, die man auch in der Provinz zu bewältigen hatte, waren keinesfalls gering. Auch dort gab es Auseinandersetzungen mit den Nachfolgestaaten, wie in Innsbruck25 26) und Graz27 28), der Zuwachs immer neuen herrenlos gewordenen Schriftgutes stellte an die wissenschaftliche und verwaltungsmäßige Tätigkeit der Archivare hohe Anforderungen, belastete sie vor allem mit der Sorge um die notwendigen Räume und allen damit verbundenen Widerwärtigkeiten. Auf der anderen Seite hat sich aber gezeigt, daß gerade die Möglichkeiten, die sich aus der Änderung der Verhältnisse seit 1918 ergaben, richtig genutzt, gerade den Länderarchiven nur zum Vorteil gereichte. Sie alle konnten gegenüber ihrer Stellung in der Monarchie einen Aufschwung verzeichnen, den stärksten wohl das Oberösterreichische Landesarchiv unter seiner zielbewußten, auf der Höhe der Aufgaben stehenden Leitung 2S). Im ganzen gab aber das Bild des österreichischen Archivwesens am Ende der Zwanzigerjahre zu berechtigten Klagen Anlaß, da man feststellen 25) Die Ämter der Landesregierungen wurden einschließlich des Archiv- und Bibliotheksdienstes nach § 8 des Übergangsgesetzes vom 1. X. 1920 in der Fassung der Novelle vom 30. Juli 1925, Bundesgesetzblatt Nr. 269, zu Landesbehörden. 2a) Stolz, a. a. O., 27 ff. 27) Hier handelt es sich allerdings um die in jeder Hinsicht gerechtfertigte Ausfolgung des Staatsarchivs Ragusa, das während des ersten Weltkrieges in Graz geborgen worden war. Vgl. V. Thiel, Das Steiermärkische Landesregierungsarchiv 1906—1928. Archivalische Zeitschrift 37 (1928), 218 und: Das Ragusaner Staatsarchiv als Bergegut in Graz. Zeitschr. d. Hist. Vereins f. Steiermark 36 (1931), 306—308. 28) Über die Tätigkeit der Archive in den Ländern in der Zeit zwischen 1918 und 1938 unterrichten: J. Kraft, Das Archiv für Niederösterreich in dem Sammelwerk „Das Bundesland Niederösterreich“ (1930), 454—459; E. Forstreiter, Die Abteilung „Theater“ des Archivs für Niederösterreich, ebd., 460—466; d e r s., Die Inventarisierung staatlicher Archivbestände in Niederösterreich. Mitt. d. Österr. Staatsarchivs 2, 94—112; K. Lechner, Das niederösterreichische Landesarchiv in d. Sammelwerk: Das Bundesland Niederösterreich, 466—471; V. Thiel, a. a. O.; Stolz, a. a. O.; M. T i e f e n t h a 1 e r, Die Bestände des Vorarlberger Landesarchivs. Alemannia 8 (1935), 129—139; Wutte, 25 Jahre Kärtner Landesarchiv. Carinthia I (1929), 112ff.; Kun- n e r t, Burgenländische Archivfragen. Burgenland 2, 196 ff.; ders., Der derzeitige Stand des burgenländischen Archivwesens. Deutsche Hefte f. Volks- u. Kulturbodenforschung 1 (1930), 117—119. Homma, Das Landesarchiv Burgenland. Burgenländische Heimatblätter 8 (1946), 42—44; ders., Das Archivwesen des Burgenlandes 1921—1944. Burgenl. Landesarchiv, 1.—4. Jahresbericht (1949), 1—5; Zibermayr, Das Öberösterreichische Landesarchiv im Bilde der Entwicklung des heimischen Schriftwesens, 3. Aufl. 1950. Den Stand des gesamten österreichischen Archivwesens von 1935 faßt J. Seidl in seinem Bericht über Österreich zusammen. Archivi 2 (1935), 234—244.