Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert
Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert 41 Erreichten. Der Innsbrucker Archivdirektor Michael Mayr63), selbst Universitätsprofessor wie Redlich, aber auch ein großer Praktiker, beklagte, daß innerhalb der Verwaltung nur selten eine Erkenntnis von den großen Vorteilen eines modern geregelten Archivwesens bestehe64). In einem zweiten Aufsatz in den Deutschen Geschichtsblättern führte er aus: Die seit 1893 begonnene staatliche Archivorganisation ist unabhängig vom Archivrat zustandegekommen. Damit schießt er über das Ziel. Richtig ist seine Klage, daß es bei allen Verdiensten des Archivrates um die Sorge für die wissenschaftliche Vorbildung der Archivare, Grundzüge einer Archivordnung, Richtlinien über die Aktenausscheidungen bei den Gerichtsbehörden, an einer leitenden Fachbehörde mangelte. Der Archivrat sei zu einem wirklichen fachmännischen Beirat auszugestalten, in dem auch die Leiter der Provinzarchive vertreten sein müßten. Für eine materielle Besserstellung der Archivbeamten müsse gesorgt werden, die Anwärter für den höheren Archivdienst seien zu einer allseitigen Praxis zu verpflichten. Der wissenschaftlichen Verwaltung der Archivbestände sei ein besonderes Augenmerk zuzuwenden, gemeinsame größere Arbeiten der Archivbeamten verdienten alle Förderung65). Das folgende Jahrzehnt bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges ist erfüllt von Kleinarbeit. Die Mitteilungen der Archivsektion der Zentralkommission für Kunst und historische Denkmale und später des Archivrates geben davon Zeugnis. Nach dem Tode Helferts schritt man zu einer Neuorganisation. Es kam zu einer Umgestaltung des Archivrates, der nunmehr für den Bereich des Archivalienschutzes die Agenden der früheren Archivsektion übernahm und dadurch an Ansehen — auch durch Schaffung eines eigenen Büros — gewann66). Bei diesen Reformen ist Redlich ungeachtet der Bürden, die ihm sein Rektoratsjahr an der Universität auferlegte, der unermüdliche Sachbearbeiter auch der bürokratischen Details dieser Neuorganisation gewesen. Er durfte sich dabei der großzügigen Untestützung des Prinzen Franz Liechtenstein erfreuen. In zwei großen 63) Geboren 10. April 1864 zu Adelwang in Oberösterreich, gest. 22. Mai 1922 zu Waldneukirchen, Oberösterreich. Nach Absolvierung des Instituts f. österr. Geschichtsforschung trat er 1892 in das Statthaltereiarchiv in Innsbruck ein, dessen Direktor er bereits 1897 wurde. Nachrufe von Heuberger, Mitt. d. Inst. 39, 325 ff. u. Deutsches biogr. Jahrb. 1922, 186 ff.; L. Groß, Archiva- lische Zeitschrift 35, 289 ff.; J. D e n g e 1 bei Straßmayr, Oberösterreichische Männergestalten (1926), 63 ff.; Krackowitzer-Berger, Biogr. Lexikon d. Landes ob der Enns (1931), 204—206. 64) Über staatliches Archivwesen in Österreich. Zeitschr. f. Volkswirtschaft, Sozialpolitik u. Verwaltung 12 (1903), 116 ff. 65) Vom österreichischen Archivwesen. Deutsche Geschichtsblätter 5 (1904), 315 ff. 66) L. Groß, Zur Geschichte des Archivschutzes in Österreich. Archiva- lische Zeitschr. 42/43, 159 ff.; J. Seidl, Archivalienschutz in Österreich. Ebd. 44, 149 ff.