Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)

Die österreichischen Archive im 19. Jahrhundert

36 Walter Goldinger lieh der Kompetenzabgrenzung gegenüber dem älteren Böhmischen Landes­archiv, an dessen Spitze der bekannte Historiker Gindely stand. Verhielt sich dieser dem Gesamtstaate gegenüber durchaus loyal, so waren doch weite tschechische Kreise bemüht, die Bedeutung des Landesarchivs in der Fortführung altständischer Freiheiten, des Landespatriotismus, des böhmi­schen Staatsrechts, zumindest in der Hervorkehrung föderalistischer gegen­über den von den Wiener Ministerien ausgehenden zentralistischen Tenden­zen zu erblicken. Darum fand der Gedanke einer Vereinigung des Landes­archivs mit dem neuzuorganisierenden Archiv der Statthalterei in Prag mehr aus politischen als aus fachlichen Gründen starken Anklang38). In den Wiener Zentralstellen blieb das Interesse am Archivwesen nach wie vor sehr gering. Darunter hatten besonders die Ministerialarchive, die ja teilweise weit zurückreichende Bestände umfaßten, zu leiden. Sie wurden ja doch nur als Altregistraturen angésehen. Immerhin trat das Archivwesen durch äußere Umstände wieder stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Der Vorstoß, den die ungarische Delegation für die Schaf­fung eines „österreichisch-ungarischen“ Staatsarchivs unternahm39), das Aufrollen der Frage einer Teilung des Hofkammerarchivs40), eine von dem Prager Historiker Bachmann im Abgeordnetenhause beantragte Resolution, zur Regelung des Archivwesens in Böhmen eine neue Enquete einzuberufen 41), dürfen in diesem Zusammenhänge als bewegende Faktoren genannt werden. Auch ein vom Grafen Gaston Pötthick entworfener Plan zur Errichtung eines österreichischen Heroldsamtes gehört diesen Jahren an42). Es ist daher kein Zufall, daß ungefähr zur selben Zeit die Frage der Archivorganisation wieder publizistisch aufgegriffen wurde. Joseph Lam- pel43), selbst Absolvent des Instituts und im Verband des Haus-, Hof-, und Staatsarchivs stehend, veröffentlichte im Jahrgang 1888 der Öster­reichisch-ungarischen Revue einen Aufsatz, in dem er die Rückkehr zum Projekt Dudiks empfahl44). Für die Familiensachen sowie die Akten des Auswärtigen Dienstes sei das Haus-, Hof- und Staatsarchiv zu bestimmen, die Ressorts der Finanzen und des Kriegswesens sollten eigene Archive 38) P r o c h n o, a. a. 0., 20. 30) F. R e i n ö h 1, Zur Geschichte der Wiener Zentralarchive. Archivalische Zeitschrift 36, 220 ff.; Bittner, a. a. O., 32+f.; ders., Árpád von Károlyi als Archivar. Sonderabdr. d. Beilage d. Levéltári közlemények 11 (1933), 4 ff. 40) B i 11 n e r, a. a. O., 32 ff. 41) Alig. Verwaltungsarchiv: Min. d. Innern, Zl. 1899—MI/1884. Nr. 887 der Beilagen zum stenogr. Protokoll d. Abgeordnetenhauses. 42) Ideen über die Errichtung eines Heroldsamtes in Österreich. Als Manu­skript gedr. 1880. Das Buch wurde mit einem Vortrag d. Ministers d. Innern dem Kaiser unterbreitet. (Alig. Verwaltungsarchiv: Min. d. Innern 113/A—1880). 43) Lhotsky, a. a. O., 173 f.; Gesamtinventar d. Wiener HHStA 1, 77 f. 44) Das Institut für österreichische Geschichtsforschung und die österrei­chischen Archive. Österr.-ung. Revue 5, 266—277.

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