Walter Goldinger: Ergänzungsband 5. Geschichte des Österreichischen Archivwesens (1957)
Schatzgewölbe und Kanzleiarchive
Schatzgewölbe und Kanzleiarchive 13 empirisch zustandegekommene Anerkennung des Provenienzgedanken bleiben, wenn es heißt: Damit würden die Schatzschriften in der ersten richtigkeit belaiben und die vier registraturpuecher als indices alzeit darzue dienstlich sein 6S *). Die alten Schatzarchive werden jetzt zu Briefgewölben. Der frühere Zusammenhang mit der Aufbewahrung der Kleinodien hat sich gelöst. Das heißt jedoch nicht, daß man diesen Briefgewölben nicht hohe Bedeutung beigemessen hätte. Man wußte, daß dort die „Jura“, die rechtskonstitutiven Stücke, zu finden waren. Am 9. April 1562 erließ Ferdinand I. ein Mandat an den ober- und niederösterreichischen Kanzler, in den Schatzgewölben von Innsbruck und Wien nachzuforschen, ob dort etwas über die beabsichtigte Verleihung der Kaiserwürde an Maximilian I. aus dem Jahre 1518 festzustellen sei6B). Ferdinand spricht von einem actus, der auf dem Reichstag von Augsburg in offnen truckh ausganngen. Aus diesem Grunde wandte er sich auch unter dem gleichen Datum an Hans Jakob Fugger mit dem Aufträge, in seiner Bibliothek nachzusehen (unnd aber daneben unnß fürkhombt, daß du gar ain statliche unnd mit unzalbarn püechern, tractaten unnd abtruckhen, sonderlich deren, so bey disen unnsern Zeiten ausganngen, beseczte biblioteck haben sollest . . .). Aus dem 17. und dem Beginn des 18. Jahrhunderts sind mehrfache Benützungen des Wiener Schatzgewölbes bekannt. Sie geschähen, wie man heute sagen würde, lediglich zu amtlichen Zwecken. Meist handelte es sich um Urkunden, die benötigt wurden. Doch befanden sich dortselbst auch Akten. So ist einmal von einer Aushebung türkischer Schriften die Rede. Die Durchführung solcher Maßnahmen war ziemlich umständlich. Wenn auch das Wiener Schatzgewölbe im Zuständigkeitsbereich der niederösterreichischen Regierung und Kammer lag, so machte sich seit Ende des 17. Jahrhunderts auch eine Einflußnahme der Hofkammer geltend. Dieser oblag auch die Sorge für die Erhaltung der Ordnung. Das Schatzgewölbe, das unter doppelter Sperre der Hofkammer und der niederösterreichischen Regierung stand, konnte nur unter besonderen Vorkehrungen, sozusagen kommissionell, betreten werden. Eine Nachwirkung des alten Schatzgedankens! 67). Die Briefgewölbe dienten auch zum Schutze gegen Feuersgefahr. Namentlich die Stände haben so zur Erhaltung der landschaftlichen Urkunden beigetragen. In Niederösterreich, wo sie 1513 ein eigenes Haus in der Herrengasse bezogen, haben sie alsbald dort ein Briefgewölbe errichtet, während sie bis dahin ihre Privilegien auf den Schlössern ihrer Mitglieder «5) T h i e 1 34 ff. °6) Haus-, Hof- u. Staatsarchiv, Reichsregisterband SS, fol. 234. Ich verdanke den Hinweis der Liebenswürdigkeit des Herrn Universitätsprofessors Heinz Zatschek, wofür ihm auch an dieser Stelle bestens gedankt sei. 67) Friedrich Walter, Zur Geschichte des Wiener Schatzgewölbes. Mitteilungen d. Österr. Staatsarchivs 4, 1951, 236—241.