Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde

Burgenkunde. 523 diese Meinung heute als abgetan gelten, ebenso wie man den wesentlichen Unterschied zwischen einem Römerkastell und einer Feudalburg sowohl in bezug auf die Lage als auf die Gesamtgestalt heute doch wohl als etwas Selbstverständliches ansieht. Anderseits läßt sich aber doch nicht leugnen, daß nicht wenige Elemente des mittelalterlichen Burgen­baus, wie etwa der Turm, die Ringmauer, die Torbefestigung, der Wehrgang, die Zinnen, der Graben auch schon im römischen Wehrbau ihre Entsprechung haben und daß es daher sehr nahe liegt, hier engere Zusammenhänge anzunehmen. In einem auch kunstgeschicht­lich besonders wichtigen Punkte, wo man früher kaum daran dachte, hat diesen Zu­sammenhang Swoboda („Römische und romanische Paläste“) klar herausgestellt. Seine These, daß der Palas der mittelalterlichen Burg sich typengeschichtlich vom spätrömischen Palast herleitet, kann wohl kaum noch bezweifelt werden. Auch das Mauerwerk unserer ältesten Burgen, vor allem die regelmäßig geschichteten Steinlagen und die Buckel­quadern, sind mit römischen Mauern so eng verwandt, daß es ohne irgendeinen Zusammen­hang nicht zu erklären ist. Ist die spätantike Tradition irgendwo ohne Unterbrechung lebendig geblieben oder mußte man in der Burgenzeit neu anknüpfen und nahm man sich dabei bewußt noch vorhandene römische Bauten zu Vorbildern ? Auch hier kann erst eine systematische Zusammenstellung und Vergleichung aller noch vorhandenen Denkmäler in Europa und Vorderasien das herrschende Dunkel klären und davon sind wir noch weit entfernt. Was speziell die romanischen Palase angeht, so müßten hier auch die mit ihnen eng verwandten, aber von der bisherigen Forschung arg vernachläßigten italienischen Stadtpaläste des 12. bis 14. Jahrhunderts in die Untersuchung miteinbe- zogen werden. Noch mehr im Dunkeln tappen wir bezüglich der unmittelbaren Vorläufer der Ritter­burgen, der frühmittelalterlichen festen Herrensitze und Volksburgen. Wohl hat gerade Poeschel auf ihre Bedeutung für die Entwicklungsgeschichte der Burg sehr energisch hin­gewiesen und hat zumal dem bewehrten Gutshof der Merowinger- und Karolingerzeit eine ausschlaggebende Rolle zugeschrieben, wie es übrigens ähnlich auch Schuchardt tut. Aber über allgemeine Erwägungen ist man hier kaum hinausgekommen, zumal die für diese frühe Periode anzunehmenden Holzbauten und Erdwälle heute meist verschwunden sind. Freilich sind es erst ein paar Jahrzehnte, daß man sich für diese Sache überhaupt interessiert, und so ist immerhin die Hoffnung berechtigt, daß eine allgemeinere und systematische Beschäftigung mit dieser Frage sie wesentlich mehr auf hellen wird. Auch die Forschungs­ergebnisse im slawischen und im deutschen Kolonisationsgebiet im Osten, die erst seit kurzem einsetzende Erforschung der Hausberge und andere verwandte Erscheinungen lassen für die Zukunft recht erfreuliche Resultate erwarten. Aber auch wenn wir von der Vorgeschichte der mittelalterlichen Burg absehen und nur ihre voll ausgebildete Form ins Auge fassen, bleiben der künftigen Forschung noch zahlreiche Aufgaben, von denen einige hier angedeutet werden sollen. Noch Piper macht sich über jene Burgenkundler lustig, die aus dem Mauerwerk das genaue Alter einer Burg oder ihrer einzelnen Teile bestimmen wollen. Unterdessen hat sich aber längst gezeigt, daß hier Piper nur etwas ablehnt, was er eben selber nicht ver­stand, und daß in Wirklichkeit die genaue Beachtung der Mauertechnik für die Alters­bestimmung und ganz besonders für die Baugeschichte ein besonders wichtiges und in vielen Fällen überhaupt das einzige Hilfsmittel ist. Da es aber anderseits doch auch zahl­reiche Burgen und Burgenteile gibt, die anderweitig, z. B. auf Grund urkundlicher Nach­richten, genau datierbar sind, so müßte es doch nicht gar so schwer sein, mit Hilfe solcher Beispiele exakte Richtlinien für die Entwicklung der Mauertechnik aufzustellen. Vielleicht würden diese Richtlinien für verschiedene Gegenden und verschiedene Länder etwas variieren. Soweit ich aber auf verschiedenen Reisen in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Italien, Frankreich, Spanien und Dalmatien Gelegenheit hatte, dortige Burgen zu besuchen, habe ich den Eindruck, daß im großen und ganzen die Entwicklung überall so ziemlich

Next

/
Thumbnails
Contents