Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde
524 Weingartner, dieselbe war. Aber eine derartige systematische Zusammenstellung ist bisher nicht einmal für kleinere Teilgebiete vorhanden. Ähnliche Entwicklungsreihen wären für Fenster, Tore und Torbefestigungen, Zinnenformen, Schießöffnungen und verwandte Dinge höchst wünschenswert. Auch so wird ein sorgfältiger Beobachter romanische und gotische, vielleicht auch hoch- und spätromanische Palasfenster und eine einfache Schießscharte oder sonst eine komplizierte und spielerische Spätform unterscheiden können. Aber ohne Zweifel wäre hier eine weit exaktere, in manchen Fällen sogar eine nach Jahrzehnten orientierte Bestimmung möglich, läge das vorhandene Material in systematischer Ordnung vor. Von kleineren Gebieten ausgehend, wird die Kenntnis dieser Dinge immer größere Kreise umfassen. Ein Beispiel: in Tirol ist mir kein Fenster mit Seitensitzen bekannt, das über die Mitte des 13. Jahrhunderts zurückreicht. Gilt diese Tatsache, die für die Altersbestimmung ganzer Trakte verwendbar gemacht werden könnte, auch von anderen Gegenden? Ein anderes: man liest gelegentlich die Behauptung, der Ausgangspunkt der Burg sei der feste Wohnturm. In Tirol scheint aber die Sache so zu liegen, daß die ältesten Burgteile keine Wohngemächer enthielten und daß solche erst um 1200 oder bald danach gebräuchlich wurden. Wie steht es in dieser Hinsicht anderswo ? Auch aus der späteren Burgenzeit ließen sich derartige Beispiele anführen. Eine geschnitzte Türverkleidung, ein Getäfel, eine Felderdecke oder auch eine dekorative Malerei des 15. oder des 16. Jahrhunderts lassen sich allerdings schon auf Grund allgemeiner kunstgeschichtlicher Kriterien zeitlich genau bestimmen — darum braucht sich also die Burgenkunde nicht eigens zu bemühen. Aber wenige Burgenkundler dürften in der Lage sein, die Schießöffnungen, die nach der Einführung der Pulverwaffen gebräuchlich wurden, die mit den Schießscharten abwechselnden Schießfenster, die mannigfachen Formen von Senk-, Maul-, Hosenscharten u. dgl. mehr zeitlich genau einzuteilen, was auf Grund eines systematischen Vergleichsmaterials sicherlich unschwer möglich sein müßte. Es sei zugegeben, daß es sich hier um Fragen dritter und vierter Ordnung handelt. Aber immerhin, zwecklos wären derartige Bemühungen nicht und auf jeden Fall könnte dann die Baugeschichte jeder einzelnen Burg wesentlich besser und präziser erforscht und festgestellt werden, als dies in den weitaus meisten Fällen bis heute geschehen ist. Darüber hinaus hat man sich schon seit jeher bemüht, über den Bau und besonders über die örtliche Verteilung der Burgen irgendwelche allgemeine Gesetze zu entdecken und gerade in dieser Hinsicht sind auch in jüngster Zeit etwelche beachtenswerte Versuche unternommen worden, mit denen sich die Burgenkunde künftig vermutlich auseinandersetzen muß. Hieher gehört schon der immer wieder gemachte Versuch, die Burgen systematisch in Gruppen einzuteilen. Noch Piper und Bode Ebhardt haben das getan, aber abgesehen von einigen selbstverständlichen Benennungen, wie etwa Höhen- und Wasserburgen, Dynasten- und Ministerialenburgen, ist bei all dem wenig herausgekommen. Selbst mit Schuchardts Einteilung in Turm- und Ringburgen, wobei dem ersten Typ die Herren-, dem zweiten die Volksburg zugeschrieben wird, kommt man in der hochmittelalterlichen Burgenzeit nicht weit, da sich beide Typen damals längst mannigfaltig vermischt hatten. Auch bezüglich der räumlichen Verteilung der Burgen suchte man auf verschiedenen Wegen zu allgemeinen Gesetzen zu gelangen. Schon alt und außerdem im Volke sehr weit verbreitet ist die Meinung, man habe die Burgen verteilt, daß man von der einen zur anderen Signale geben konnte. Dies setzt aber eine über große Gebiete verfügungsberechtigte und großzügig planende Zentralgewalt voraus, wie sie durchaus nicht überall vorhanden war. In Tirol z. B. war das nicht der Fall und für die benachbarte Schweiz stellt das Poeschel ebenfalls in Abrede. Höchstens kämen hier kleinere Bezirke, wie etwa das Gebiet der Grafen von Tirol oder der Grafen von Eppan usw. in Betracht. Und auch innerhalb engerer Grenzen wird man nicht selten nachweisen können, daß benachbarte Burgen oft genug in feindseliger Absicht, also alles eher als nach einem einheitlichen Konzept erbaut worden sind.