Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde
522 Weingartner, und auch stilistisch glänzend geschriebenen Buche vermißt, ist eine Übersicht über die weitere Entwicklung der Bauform im hohen und späten Mittelalter, eine Frage, deren Beantwortung im übrigen heute nicht mehr allzu schwierig ist. In den dreißiger Jahren hat Herbert Weinelt, ausgehend von den Burgen Schlesiens, auch die allgemeine Burgenkunde um manche wertvolle Erkenntnis bereichert. Um dieselbe Zeit haben O’Nail, Peers, Ralegh, Richardson und Simpson über die bedeutendsten Burgen Englands und Schottlands zahlreiche Einzeldarstellungen veröffentlicht, die ich aber nicht näher kenne. Fassen wir auf Grund der bisherigen Leistungen den augenblicklichen Stand der Burgenkunde näher ins Auge, so steht es zunächst außer Zweifel, daß sie seit mehr als hundert Jahren ihre Methoden ständig verbessert und verfeinert und wissenschaftlich gesehen ihr Ausgangsstadium weit hinter sich gelassen hat. Anderseits besteht aber auch kein Anlaß zur Überheblichkeit, denn viele und darunter sehr grundlegende Probleme sind auch heute noch ungelöst. Da steht allem voran die Frage, woher denn die mittelalterliche Burg in ihrer Gesamtanlage und in ihren einzelnen Bauteilen eigentlich abzuleiten ist. Sie steht im 12. Jahrhundert auf einmal voll ausgebildet vor uns, und zwar gleich in vielen Tausenden von Beispielen, und auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ob sie, wie Pallas vollgerüstet aus dem Haupte des Zeus hervorsprang, ganz unvermittelt und ohne sichtbare Vorstufen entstanden wäre. Demgegenüber hat, wie wir hörten, schon Piper auf den engen Zusammenhang mit den vorgeschichtlichen Ringwällen hingewiesen und seitdem ist diese Erkenntnis noch bedeutend klarer geworden. Aber vermutlich ist der Zusammenhang noch wesentlich enger, als selbst Piper und seine Nachfolger glaubten, und zumal die Gesamtanlage der Burg einschließlich der Zwinger und Vorburgen, der Torbefestigung und des beherrschenden Hauptturmes war im wesentlichen wohl schon in der vorgeschichtlichen Zeit ausgebildet. Aber die Prähistorie ist als Wissenschaft noch jünger als die Burgenkunde und unsere Kenntnis der vorhandenen Denkmäler ist daher noch sehr lückenhaft. Um bei meinem engeren Arbeitsgebiet zu bleiben: In Nordtirol war 1935 nach Menghin (Wiener Prähistorische Zeitschrift 1939, S. 22) noch kein einziger sicherer Fall einer Wallburg bekannt, und Menghin versuchte (ebendort 1936, S. 82) diese auffallende Erscheinung damit zu erklären, daß vielleicht schon in prähistorischer Zeit eine Organisation bestand, die den Grenzschutz im großen regelte und dadurch einzelne Befestigungen überflüssig machte. Seitdem hat Menghin und habe auch ich selber schon eine ganze Reihe von solchen Wallburgen festgestellt, von denen aber, abgesehen von Birgitz, noch keine gründlich aufgenommen und veröffentlicht ist. In Südtirol dagegen sind Wallburgen schon seit Jahrzehnten bekannt — aber in den letzten zehn Jahren sind es auch hier aus etlichen Dutzend etliche Hunderte geworden, von denen nur ein kleiner Teil publiziert werden konnte. Vor allem haben die Forschungen Georg Innerebners auch gezeigt, daß ein großer Teil der mittelalterlichen Burgstellen schon in prähistorischer Zeit besiedelt und teilweise auch befestigt war. Es ist klar, daß ein weiterer Fortschritt der vorgeschichtlichen Forschung auch die mittelalterliche Burgenkunde Tirols fördern und befruchten wird, vorläufig aber ist es in vielen Fällen nicht einmal möglich, vorgeschichtliche und frühmittelalterliche Anlagen sicher zu unterscheiden und scharf auseinanderzuhalten. Und wie auf diesem geographisch beschränkten Teilgebiet, so liegen die Dinge auch im Gesamtbereich unserer Disziplin: von einer systematischen Übersicht über die vor- und frühgeschichtlichen Befestigungen Europas sind wir noch sehr weit entfernt und bis dorthin ist auch eine restlose Lösung unseres Problems kaum möglich. Nicht viel anders steht es mit der Frage, wie weit die Ritterburg dem Bau- und Befestigungswesen der Römer verpflichtet ist. Es ist sehr bezeichnend, daß auch noch Poeschel es für notwendig hielt, gegen die Meinung, daß die Bergfrite vieler Burgen Römertürme seien, zu Felde zu ziehen: so tief hat sich diese Ansicht früherer Altertumsfreunde in das Volksbewußtsein eingeprägt. Immerhin, in wissenschaftlichen Publikationen darf