Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 81. Josef Weingartner (Innsbruck): Burgenkunde
Burgenkunde. 521 seines ganzen Werkes aber ist die Vernachlässigung der Baugeschichte der Burg. Piper behandelt die einzelnen Partien meist ohne Rücksicht darauf, ob sie der ursprünglichen Anlage oder aber späteren Umbauten angehören, eine offensichtliche Folge eines nur wenig ausgebildeten Vermögens, verschiedenes Mauerwerk und verschiedene Stilformen voneinander zu unterscheiden, wie er denn überhaupt für die kunstgeschichtliche Seite des ganzen Problems wenig Interesse und keine sonderliche Einfühlungsgabe besitzt. Die nächsten Jahrzehnte brachten wohl eine ständig wachsende Fülle von Burgenbüchern, aber kaum einen neuen Gesichtspunkt in der Methode. Selbst so groß angelegte Werke wie das Buch Ebhardts „Die Burgen Italiens“ (1909 bis 1927) kamen über die reine Beschreibung nicht hinaus und ermangeln aller größeren zusammenfassenden Gesichtspunkte. In dieser Hinsicht stellt erst Schuchardts „Die Burg im Wandel der Weltgeschichte“ (1931) einen wirklichen Fortschritt dar. Schuchardt versucht auf 350 Seiten, also in möglichst knapper Fassung, die Gesamtentwicklung der Burg in Ägypten und Vorderasien, während der prähistorischen Perioden Europas, zur Zeit der kretensischen Kultur, bei den Griechen und Römern und schließlich im frühen und hohen Mittelalter zusammenhängend und übersichtlich darzustellen. Wohl geht es dabei ohne vereinfachende und mehr oder weniger willkürliche Typisierungen nicht ab, wozu auch Schuchardts Lieblingseinteilung in Herren- und Volksburgen gehört, aber sein erstmaliges Wagnis, das ungeheure Denkmälermaterial in eine einheitliche Entwicklungslinie einzugliedern, verdient doch alle Anerkennung. Das erkennt man erst so recht, wenn man mit Schuchardts schmalem Band den dicken Codex vergleicht, in dem Bodo Ebhardts „Wehrbauten Europas im Mittelalter“ (1939) die Burgen in England, Irland, Schottland, Frankreich, Deutschland, Österreich und in der Schweiz behandelt. Auch hier geht die Absicht auf eine Gesamtübersicht, auf die Zusammenfassung wenigstens des ganzen europäischen Materials, und Ebhardt besitzt dafür eine seltene Denkmälerkenntnis und trägt ein geradezu überwältigendes Material zusammen, für das ihm jeder Burgenfreund nicht genug dankbar sein kann. Auch seine Zeichnungen und die vielen klaren Grundrisse werden jedem Freund der Burgenkunde hoch willkommen sein. Aber leider fehlt Ebhardt der historische Sinn, seiner rein äußerlichen Zusammenfassung mangelt jede innerliche verbindende Idee und, abgesehen vom einleitenden Kapitel, das die verschiedenen Burgarten aufzählt, reiht er im übrigen nur längere oder kürzere Beschreibungen einzelner Burgen aneinander, ohne irgendwelche innere Zusammenhänge oder entwicklungsgeschichtliche Gesichtspunkte herauszustellen. Auch die Beschreibung der einzelnen Objekte trifft durchaus nicht immer das wirklich Charakteristische und enthält viele Irrtümer. Diese Mängel fallen um so schwerer ins Gewicht, als sich der Verfasser aus der unterdessen erschienenen Spezialliteratur, die gerade in den unmittelbar vorangegangenen Jahrzehnten besonders zahlreich erschienen war, in sehr vielen Fällen unschwer verläßliche Informationen hätte holen können. Es ist hier nicht möglich, auf diese Fülle von Burgenbüchern näher einzugehen und ich muß mich darauf beschränken, auf Poeschels „Burgenbuch von Graubünden“ (1930) hinzuweisen, das mir unter allen Werken dieser Periode als die bedeutendste Leistung erscheint. Poeschel behandelt im allgemeinen Teil die Vorgeschichte und Entwicklung der Burgform, ihre allmähliche Entstehung und ihre Ausgestaltung und Ausweitung im hohen Mittelalter, und man erfährt dabei aus seiner lokal begrenzten Übersicht über die Entstehung der mittelalterlichen Burg wesentlich mehr als aus Bodo Ebhardts allgemein europäischer Zusammenfassung. Besonderes Interesse besitzen Poeschels Ausführungen über das Verhältnis der hochmittelalterlichen Burg zu ihren Vorgängern, den vorgeschichtlichen Ringwällen, dem römischen Castrum, dem befestigten Gutshof und der frühmittelalterlichen Volksburg, wobei der Autor sehr entschieden für eine kontinuierliche Entwicklungslinie eintritt. Im zweiten Teil, im Burgenlexikon, werden die einzelnen Objekte, und zwar sowohl ihre Bau- wie ihre Besitzergeschichte, eingehend und sehr sachkundig behandelt. Das Einzige, was man an diesem ausgezeichneten