Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VIII. Kunstgeschichte - 78. † Hermann Egger (Graz): Das päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert
500 Egger, Das 'päpstliche Kanzleigebäude im 15. Jahrhundert. Wie sich auch bei den älteren Teilen des vatikanischen Palastes die Baugeschichte eines Traktes durch mehrere Pontifikate verfolgen läßt, so ist dies auch beim Kanzleigebäude der Fall. Abgesehen von der Renovierung einzelner Räume wie des Registrum bullarum x) und des Auditorium rotae * 2) zogen sich der Umbau des mittleren und der Aufbau des obersten Geschosses durch die letzten Jahre Sixtus IV. und durch das ganze Pontifikat Innozenz VIII. hin. Des ersteren Breve vom 19. September 1483 bezüglich der Bereitstellung von Marmor 3) weist wohl auf die Inangriffnahme des obersten Geschosses bin In dessen Bauleitung folgte nach Giovannino de Dolci Graziadéi Prata aus Brescia, bereits 1485 als „murator majoris fabricae Palatii Vaticani“, 1493 als „architector palatii apostolicii“ geführt. Die Innendekoration einzelner Räume dürfte sich bis in die ersten Jahre Alexanders VI. hingezogen haben. Da jedoch nach dessen Tode wie auch anderwärts alle an ihn gemahnenden Inschriften und Borgiaembleme entfernt wurden, verblieben nur zahlreiche Wappen Innozenz VIII. als Erinnerung an dessen Bautätigkeit 4), so daß sich im 16. Jahrhundert die Bezeichnung „Palatium Innocentiannm“ durchsetzte. Die Renovierung der beiden Prunksäle im obersten Geschoß durch Julius II. 5) bildete vielleicht die letzte Maßnahme, um ihren repräsentativen Charakter zu erhalten. Dieser ging nachträglich im Zuge der systematischen Ausnützung jeglichen Raumes des Kanzleigebäudes verloren. Einerseits verursachte die vermehrte Zahl der Beamten Unterteilungen, anderseits führte die Anforderung von Wohnräumen für einzelne kúriaié Würdenträger zu weiteren baulichen Maßnahmen. Es ist erklärlich, daß der Bauzustand des gesamten Gebäudes durch eine derart weitgehende Ausnützung seiner Räumlichkeiten auf das schwerste geschädigt wurde. Abgesehen von einer durch T. Alpharanus überlieferten Restaurierung zur Zeit Pius IV. 6) müssen gegen das Ende des 16. Jahrhunderts größere Baugebrechen, vermutlich im westlichen Stiegenhaus, die Errichtung jener unschönen Strebepfeiler erfordert haben, die in der Tasellischen Aufnahme von Alt-St. Peter durch ihre ungleiche Höhe auffallen. Noch 1603 kam es zu einer letzten Wiederherstellung im Dachstuhl des obersten Geschosses, als das Schicksal des „Palazzo della Dataria vecchia“ bereits besiegelt war. Gegenüber der historischen Bedeutung der übrigen 1609/10 abgebrochenen Vorbauten von Alt-St. Peter — wie viele weltgeschichtliche Ereignisse hatten sich auf der Plattform vor seinem Vestibulum abgespielt —, mußte begreiflicherweise das bescheidene Kanzleigebäude völlig zurücktreten. Mit den bedenklichen Anzeichen seines Verfalles hätte es wTohl nie die neue Architektengeneration in ihren gigantischen Plänen aufzuhalten vermocht. *) 1471 durch Giovannino de Dolci. 2) 1480 durch Lorenzo de Petrasancta (mand. 1479—1481, fol. 131). Ferner 1483 (mand. 1482—1484, fol. 227) und 1497 (ASV. arm. XXXIV, torn. 16, fol. 37). 3) „pro fabrica officiorum nostre románé curie, quam nunc apud palatium nostrum construi fecimus.“ 4) Bezeichnend hiefür ist die Stelle im Diarium des Stefano Infessura (ed. O. Tommasini), p. 279: „[Innocentius VIII.] fecit palatium inter reclaustrum Sancti Petri et reclaustrum palatii ipsius ubi stant auditores, quod insignia ipsius passim opposita ostendunt.“ 5) Im Berichte des Paris de Grassio vom 3. Juli 1508 erwähnt: „papa [Julius II.] transiens per aulas Innocentii noviter factas et auratas.“ 6) Vgl. Alpharanus T., 1. c., ed. Cerrati M., p. 123.