Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

Lorenz von Steins Berufung nach Wien. Von Alexander Novotny (Wien). Als Lorenz von Stein im März 1855 zum Professor der politischen Wissenschaften an der Wiener Universität ernannt wurde, hatte er bereits ein ziemlich bewegtes Leben hinter sich. In verschiedenen Ländern und Städten hatte er nicht bloß Aufenthalt genommen, sondern in ihnen auch als Student und als Beamter, als Literat und Journalist, als Politiker und als Hochschulprofessor eine sehr lebhafte und auch sehr vielseitige Tätigkeit entfaltet. Er hatte fruchtbare Lehr- und Wanderjahre hinter sich, als er nun in Wien die letzte, die eigentliche Stätte seines Wirkens erreichte, wo er noch dreißig Jahre als akademischer Lehrer und als Ratgeber der Regierung sowie privater Stellen tätig sein sollte und wo er auch seinen Lebensabend beschlossen hat1). Am 23. November 1815 in Barby in Schleswig geboren, empfing er nach den Knaben­jahren in Eckernförde und Flensburg seit 1835 auf der Universität in Kiel die ersten tieferen Eindrücke einer akademischen Wissenschaft, in der, wie damals wohl überall, die Philosophie Hegels, aber auch etwas von der politisch betonten Geschichtswissenschaft Dahlmanns vor­herrschte. 1837 schloß sich daran ein Aufenthalt in Jena und 1839 eine vorübergehende Beamtenstellung in der schleswig-holsteinischen Kanzlei in Kopenhagen. Nach Abschluß seiner Studien in Kiel führte ihn der Weg nach Paris, das er mit 26 Jahren betrat und wo er die für sein weiteres Leben zunächst entscheidenden Eindrücke empfangen sollte. Dort begriff er wohl auch zum erstenmal den Wert der Beobachtung der Zeitereignisse für die Erkenntnis der großen Zusammenhänge des menschlichen Gemein­schaftslebens in Recht, Gesellschaft und Staat, ihre Wichtigkeit für die Gegenwart und auch für die geschichtliche Vergangenheit. In Paris entstand sein Werk über den Sozialismus und Kommunismus und hier betätigte er sich zum erstenmal als Publizist im Dienste der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ 2). In die Heimat zurückgekehrt, wurde er Dozent und Professor an der Kieler Universität und geriet in Gegensatz zum dänischen Staate. Als Abgeordneter der revolutionären Re­gierung seiner Heimat betrat er 1848 Paris abermals. Wir sehen ihn bald darauf als Mitglied *) Uber das Leben Lorenz von Steins vergleiche man außer älteren Nachrufen das Buch von Grün feld, ferner die kürzeren Lebensabrisse von Salomon, Meitzel und Schwer. Nichtdeutsche Konversations­lexika, wie die italienische, die britische und die amerikanische Enzyklopädie, haben ihn meist übersehen. Dagegen behandeln ihn die spanische Enciclopedia universal (Bd. 57, 1927), die amerikanische New International Encyclopaedia (Bd. 21, 1928), der Larousse du XX siede (Bd. 6, 1933) — sowie ältere Auflagen russischer und tschechischer Lexika (1903 und 1906). 2) Die Mitte des 19. Jahrhunderts war eine Zeit berühmter Publizisten. Es gab große Probleme und auch ein entsprechendes Leserpublikum. Eine Reihe großer Begabungen, wie Frantz, Fröbel, Lassalle, die Österreicher Andrian, Möring und Schuselka, der Dichter Baudelaire, der Staatsmann Tocqueville, Gobineau, Marx, Treitschke und viele andere, haben mitunter Wirkungen erzielt, die sogar an Oswald Spengler erinnern. Auch Steins Anlagen zeigten starkes publizistisches Talent: Eine vielleicht noch mehr glänzende als tiefe Führung der Gedanken, die durch originelle Einfälle und Gegensätze faszinierte, verband sich mit einer großen Gabe, komplizierte Begriffe in eindrucksvolle Bilder von kühner und doch einfacher Linienführung zu ldeiden, alles in einem Stil, der durchaus nicht immer originell und auch nicht immer frei von Uneben­heiten, an dem Schwung der deutschen idealistischen Philosophie und an der Schärfe des Ausdrucks der französischen Positivisten geschult worden war. In seinen späteren Wiener Jahren hat Stein nicht mehr den Ton getroffen, der beim breiten Leser­publikum Widerhall fand. Außer Gelehrten lese ihn niemand, meinte Schmoller (S. 114 f.).

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