Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 77. Alexander Novotny (Wien): Lorenz von Steins Berufung nach Wien

Lorenz von Steins Berufung nach Wien. 475 des schleswig-holsteinischen Landtages, 1852 jedoch wurde er zusammen mit den acht Urhebern der Denkschrift von 1846 seiner Stelle als Professor enthoben. Journalistische Absichten führten ihn nach München. Nach dem Scheitern eines neuerlichen Versuchs, eine Professur an einer deutschen Universität zu erlangen, reiste er mit verschiedenen Plänen nach Wien, wo ihn das Schicksal endgültig der akademischen Laufbahn zuführte. Man soll die Geister des 19. Jahrhunderts, die stark unter dem Einflüsse des deutschen Idealismus standen, nicht bloß in der Entwicklung ihres Denkens betrachten. Stein war wohl in der Hauptsache ein Mann der Wissenschaft und der Universität, aber nicht nur Gelehrter allein. Ihn beherrschte auch ein starker Drang, an den Zeitereignissen Anteil zu nehmen, sowie der Wunsch, in das Geschehen tätig einzugreifen. Mancherlei Einflüsse, akademische Ideen und auch sehr reale Beobachtungen im Bereiche der Tagespolitik, haben sein wissenschaftliches Weltbild mitgeformt. Der durch väterliches und mütterliches Erbe konservativ veranlagte, dabei dennoch dem revolutionären Temperament sowie neuen, auch revolutionären Gedanken zugängliche, in ländlicher Stille aufgewachsene Jüngling erlebte an der Hochschule die Philosophie Hegels, vor allem dessen Staatsbegriff. Auch dieser Begriff und der starke Widerhall, den er gefunden hat, erklären sich aus den Zeitereignissen. Noch in Steins Jugend konnte man das Werk des Wiener Kongresses als Lösung, als Synthese, als erwünschten Abschluß aller Wirrnisse betrachten. Jedoch der Metternichische Gedanke, die breiten Massen durch die Erfüllung ihrer materiellen Wünsche von jeder Teilnahme an der Politik fernzuhalten, ließ sich auf die Dauer nicht verwirklichen. Seit 1830 schon trat das unruhige Element im gesellschaftlich-wirtschaftlichen wie im geistig-politischen Leben wieder stärker in den Vordergrund. Die Weiterbildung des Hegelischen Staatsbegriffes und die Kritik daran beschränkte sich nicht mehr auf die Fortentwicklung der Gedanken; in den materiellen Kräften des Zeitgeschehens erstanden neue Probleme und neue Antithesen. Noch 1833 konnte Ranke in seinen „Großen Mächten“ die Bezwingung Napoleons und die Arbeit des Wiener Kongresses als „Wiederherstellung“ bezeichnen, die Generation nach 1840 erkannte bereits, daß neue Mächte im Begriffe waren, neue Ansprüche anzumelden. Was gestern in England und heute in Frankreich beobachtet worden war, konnte morgen in Deutschland oder Österreich und übermorgen wieder anderswo in noch viel lebhafterer Weise aktuell werden. Auf der Notwendigkeit des Fortschreitens der Erkenntnis hinaus über das Zeitalter der Restauration, der Saturiertheit der Staaten, des Gleichgewichtes der Großmächte, als Faktoren rein äußerer Machtentfaltung betrachtet, auf der Einsicht in die Tatsache, daß sich unter dieser anscheinend klaren Oberfläche erst die eigentlichen Schwierigkeiten innen- und gesellschaftpolitischer Art mit ihrer dialektischen Kompliziertheit und ihrer schwer analysierbaren Differenziertheit bargen — auf diesem Problem und dem Versuche seiner Lösung beruht die Lebensarbeit Lorenz von Steins 1). L) Als philosophisch geschulter Jurist und Rechtshistoriker hatte Stein seine Arbeit begonnen. Die Werke über dänischen Zivilprozeß, über die Munizipalverfassung Frankreichs, über das corpus iuris und die historische Schule und über die Geschichte des französischen Strafrechtes waren Leistungen von anerkannter Qualität. Eine zweite Gruppe von Werken, in denen Stein mehr als Publizist schrieb, spiegelt das Bild seiner Persönlichkeit und seiner wissenschaftlichen Ziele stärker wieder, sie zeigen einen klaren Ausgang und eine klare Wende. Treibende Kraft im Herzen und im Geiste Steins ist die Liebe zu seiner Heimat Schleswig- Holstein gewesen. Als Angehöriger eines kleinen Landes, dessen Schicksal auch vom Wohlwollen auswärtiger Mächte abhing, feinhörig für Erschütterungen von drohendem Charakter, beobachtete er als einer der ersten die Sozialrevolutionären Bewegungen, um ihnen eine ungefährliche Richtung zu geben. Das Studium Frankreichs und seiner Rechtsverhältnisse machte ihm die Abhängigkeit des Rechtslebens von sozialen Gegebenheiten klar. Die Entwicklung Frankreichs wurde ihm zum Paradigma der deutschen, im weiteren Sinne der gesamten europäischen Entwicklung überhaupt. Wenn er nach 1848 die Bedeutung des Grund­besitzes und die Notwendigkeit seiner Erhaltung sehr betont hat, kann man dies neben Einflüssen aus Familie und Heimat durch die Erfahrungen beim Ausgang der Revolution erklären, in der sich die Stellung des Adels doch noch als gefestigter erwies, als es mancher vorher vermutet hätte. Neben diesen Werken sind seit 1844 Steins kleinere Spezialarbeiten erschienen, die nur scheinbar revolutionär klingen. Steins Ziel war die soziale Reform, nicht die Revolution. Man könnte ihn einen

Next

/
Thumbnails
Contents