Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 76. Karl Feiler (Wien): Karl Ritter von Ghega. Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte der Semmeringbahn
462 Karl Ritter von Ghega. Ein Beitrag1) zur Entstehungsgeschichte der Semmeringbahn. Aus Anlafj der 150jährigen Wiederkehr seines Geburtstages am 10. Jänner 1952. Von Karl Feiler (Wien). Weltbekannt und unvergeßlich für unsere Heimat ist der Name des ruhmreichen Erbauers der Semmeringbahn Dr. Karl Ritter v. Ghega. Zählt er doch zu den hochbegnadeten Großen, die durch ungewöhnliche Geistestaten auf Gebieten der Wissenschaft den Fortschritt ihrer Zeit versinnbildlichen und die Einmaligkeit ihrer schöpferischen Leistungen in unvergänglichen Werken verewigten. Kein Wunder, daß auch sein Hervortreten zum vielgesuchten ständigen Betätigungsfeld mehr oder minder gründlicher geschichtlicher Darstellungen, ja selbst dichterischer Verherrlichungen erwählt wurde. In rein sachlichen Bearbeitungen wie freien Gestaltungen wird darin sein bahnbrechendes Wirken der Wißbegierde einer aufhorchenden Öffentlichkeit vor Augen geführt im redlichen Bestreben, die Schwere seines Kampfes und Größe seines Sieges, die bitteren Enttäuschungen seiner letzten Lebensjahre dem Verständnis der Gegenwart näher zu bringen und seinem Andenken bei den Nachfahren verehrungsvolle Liebe und pflichtschuldigen Dank zu sichern. Was solcherart alles zur Belehrung oder Unterhaltung geboten wurde, es geschah gewiß in bester Absicht und in gutem Glauben, jedoch nicht immer in ausreichender Kenntnis der einstigen Vorgänge und richtiger Auslegung der zumeist ja bloß aus ungenauer Kenntnis geschöpften geschichtlichen Zusammenhänge. Wie vollzog sich nun nach den zahlreich vorhandenen, aufschlußreichen Geschichtsquellen der wirkliche Ablauf des entwicklungs- wie kulturgeschichtlich gleich hochbedeutsamen Ereignisses, des Aufstieges der Stephensonschen Flachland-Dampfbahn zu einem selbst schwierigstes Gelände erschließenden vorbildlichen Gebirgsbahn wesen ? Wie offenbaren sich in diesen von den früheren Schriftstellern leider allzu vernachlässigten Quellen die Zustände und Taten, die das weltbewegende Geschehen vor wenig mehr als hundert Jahren auslösten und entscheidend beeinflußten ?------A us den deutschen Grubenbahnen der frühesten Neuzeit waren in vielen Gegenden Englands — zumal mit starkem Ortsverkehr — vor mehr als anderthalb Jahrhundert kurze Pferdeeisenbahnen entstanden, die teilweise bereits dem öffentlichen Verkehre dienten; um ihres Vorteiles der wesentlich leichteren Massenbeförderung willen fiel ihnen vorwiegend die Aufgabe zu, die ausgebeuteten Bodenschätze von den Gewinnungsstätten den nahen Wasserstraßen rascher und wohlfeiler zuzubringen. Den Anlaß zu ihrer allgemeinen Einführung und fortan unaufhaltsamen Ausbreitung im Ursprungsland hatte eine wichtige Verbesserung des Spurweges gegeben: Die Erfindung der seither der Eisenbahn eigentümlichen frei tragenden Eisenschiene mit gerundetem Kopf, die schon in ihrer ursprünglichen Gestalt infolge ihrer vollkommenen, die Mängel der früheren Schienen völlig beseitigenden Formgebung einen über alles Erwarten leichten Wagenlauf ermöglichte. Auf dieser neuen Fahrbahn erwiesen sich jedoch die bloß durch Muskelkraft betätigten einfachen Hebelbremsen zur Befahrung von Gefällsstrecken mit schwer beladenen Lastwagen als sehr gefährlich. Diesem Übelstand begegneten die Besitzer zahlreicher *) *) Nach dem Quellenstoff des Österreichischen Staatsarchivs-Verkehrsarchiv; die im Nachstehenden mit „ ... “ bezeichne ten Belegstellen sind wörtliche Wiedergaben dieser Quellen.