Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 73. Theophila Wassilko (Wien): Rudolph Graf Wrbna als landesfürstlicher Hofkommissär für Niederösterreich während der Besetzung Wiens im Jahre 1805

Rudolph Graf Wrbna als landesfürstlicher Hofkommissär für Niederösterreich. 423 taten. Ich folge eben so der Stimme Meines Herzens und Meiner eigenen Überzeugung, als Ich dem Wunsche jedes rechtlichen Mannes entgegenkomme, da Ich Ihnen das Großkreuz des St. Stephans-Ordens verleihe. Haben Sie in einer Periode, wo der Drang der widrigsten Umstände viele sonst rechtschaffene Diener des Staates um alle Fassung gebracht haben würde, nie aufgehört, Ihr Ziel mit Standhaftigkeit zu verfolgen, und mit festem Mute bis an das Ende auszuharren, was für Dienste kann Ich Mir von Ihnen nicht in ruhigeren, und — Ich hoffe es von der Gnade der Vorsehung — ungleich glücklicheren Zeiten versprechen! Diese Be­trachtung, das allgemeine Zutrauen, was Sie sich mit so vielem Rechte erworben haben und Mein Bestreben, Männer an Meiner Seite zu haben, deren Rechtschaffenheit und Einsicht selbst von Verleumdern nicht angefochten wird, bestimmen Mich, Sie zu Meinem obersten Kämmerer mit dem ausdrücklichen Vorbehalte zu ernennen, daß Ihr Wirkungskreis nicht bloß auf die gewöhnlichen Verrichtungen eines obersten Kämmerers eingeschränkt seyn, sondern daß Sie sich auch zu jenen wichtigen Staatsgeschäften gebrauchen lassen sollen, zu welchen Ich Sie zu Meiner Beruhigung und zum Wohl Meiner Länder zu verwenden nötig finden werde. Hollitsch den 12. Januar 1806. Franz“ 1). Am 20. Jänner 1806 wohnte Wrbna in Vertretung des Ersten Obersthofmeisters Fürsten Starhemberg der Eidesleistung des Grafen Johann Philipp von Stadion bei, der nun die aus­wärtigen Angelegenheiten zu führen hatte 2). Am 23. Jänner 1806 wurde die Leitung der neuernannten ,,Hofkommission zur Räumung und Übernahme der von den Franzosen besetzten Länder“ mittels kaiserlicher Entschließung der Staatskanzlei übertragen. Die erste Sitzung dieser Kommission fand am 29. Jänner 1806 bei Stadion in den Räumen der Staats­kanzlei statt. Der Kommission gehörten an Hofkanzler Graf Ugarte, Oberstkämmerer Graf Wrbna, General Philipp Graf Grünne, FML. Fürst Liechtenstein und Hofkammerpräsident Graf Zichy 3). Graf Rudolph Wrbna hat, wie das ebenzitierte Handschreiben mit Recht hervorhebt, selbst unter den widrigsten Umständen und in den heikelsten Situationen den Kopf nicht ver­loren, sondern sein Ziel ,,mit Standhaftigkeit“ und „festem Mut“ bis zum Ende verfolgt. Wir konnten bisher die Schwierigkeiten, mit denen Wrbna fort und fort zu kämpfen hatte — um den Gang der Ereignisse nicht zu stören — nur im Vorübergehen streifen. Es ist nun nicht uninteressant, zu sehen, mit welchen Mitteln gearbeitet und welche Methoden angewendet werden mußten, um sich der fortwährenden Erpressungen und Drohungen zu erwehren und dem Lande weitere Bedrückungen zu ersparen. Neben dem Staatsrat Daru, den wir schon mehrmals erwähnt haben und auf den wir später noch einmal zurückkommen werden, war es besonders der französische Marschall Soult, der dem landesfürstlichen Kommissär viel zu schaffen gemacht hat. Soult, nach Aus­spruch seines Adjutanten neben Massena der „härteste, geizigste und heftigste Mann der französischen Armee“, hatte durch eben diesen Adjutanten Wrbna den Antrag stellen lassen, Artillerie und Munition, soweit sie noch vorhanden war, dann Fabriken, Gebäude sowie beträchtliche Mengen an Kriegsgerät gegen eine Summe von 1,200.000 Fr. in Wechsel­briefen, 100.000 Fr. in guter Münze und 300.000 Fr. in Bankozetteln nach seinem Abzug zurückzulassen, widrigenfalls er „alle Fabriken zerstören, aus der Bibliothek die besten Urschriften und aus der Naturaliensammlung die besten Stücke mitnehmen werde“. Wrbna lehnte diese Forderungen ab und erklärte dem Adjutanten „unter vier Augen“, daß Napoleon die in Wien befindliche Artillerie dem Erzherzog Carl zugesagt habe 4) und auch von den übrigen Dingen nach den Intentionen Napoleons „nichts nachgenommen werden dürfe“. Worauf Soult sagen ließ, daß Napoleon über die Artillerie nicht verfügen könne, da sie nicht *) „Wiener Zeitung“ vom 22. Jänner 1806. Es soll noch am Rande vermerkt werden, daß Wrbna zu denjenigen Männern gehörte, mit deren Hilfe Erzherzog Carl eine Reorganisation der Regierung durchführen wollte. Wrbna war die Leitung des Kabinetts­ministeriums zugedacht. Erzherzog Carl konnte aber bei seinem Bruder nur den Grafen Philipp Stadion für die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten durchsetzen. (Reformprogramm des Erzherzogs vom 22. De­zember 1805, zitiert bei Wertheimer, Geschichte Österreichs und Ungarns im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. II. Bd., S. 1 f.) 2) „Wiener Zeitung“ vom 22. Jänner 1806. 3) LHK, Nr. 960; HHuSTA, St. K. Vorträge, Fasz. 254, Vortrag Stadion vom 30. Jänner 1806. 4) Handschreiben des Kaisers an Wrbna, ddo. Holitsch 28. Dezember 1805, KFA, Fasz. 76 a.

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