Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 73. Theophila Wassilko (Wien): Rudolph Graf Wrbna als landesfürstlicher Hofkommissär für Niederösterreich während der Besetzung Wiens im Jahre 1805
Rudolph Graf Wrbna als landesfürstlicher Hofkommissär für Nieder Österreich. 415 Not dem Feinde preisgeben. Indessen muß auch nicht bis auf den letzten Augenblick zugewartet werden, um die Stadt einem gänzlichen Verderben auszusetzen“ 1). Damit war eine schwere Verantwortung — das Schicksal der Residenzstadt — in die Hände Wrbnas gelegt. Ein neuerliches Handschreiben, datiert aus Brünn vom 10. November 1805 „mit Abschließung der Kapitulation für die Stadt Wien soviel Zeit zu gewinnen suchen, als nur immer menschenmöglich“ 2), erreichte Wrbna am 11. November. Doch hatte er schon tags zuvor mit Murat verhandelt, der am 10. November bereits auf Purkersdorf anmarschierte und über das Ausbleiben einer Deputation — wie man hörte — sehr ungehalten war. In der begreiflichen Sorge um die Stadt begaben sich daraufhin einige Deputierte zu Murat, ohne im Besitze der schriftlichen Kapitulationsbedingungen oder irgendwelcher Vollmachten zu sein. Als Wrbna diese Nachricht überbracht wurde, machte er sich selbst auf den Weg. Er traf Murat außerhalb von Purkersdorf auf dem Marsche und sprach ihn „im Freien“. So wurden in Wrbnas Gegenwart die Kapitulationsbedingungen übergeben, wobei er, wie es nicht beabsichtigt und ihm auch „äußerst schmerzlich“ war, die Verhandlungen führen mußte, da außer Sinzendorf3) niemand von den Deputierten dazu imstande gewesen wäre4). Am 12. November berichtete Wrbna dem Kaiser über das Eintreffen Napoleons vor Wien und die bevorstehende Besetzung der Stadt. Über Anraten Murats, der es als „notwendig“ erklärte, wurde eine neuerliche Deputation zu Napoleon in das französische Hauptquartier nach Sieghartskirchen abgesendet. Wrbna nahm an dieser Deputation nicht teil, da er „sich ohne Gefahr von Verwirrungen“ nicht so weit entfernen wollte; er gedachte den Auftrag des Kaisers „sich unaufgefordert zu Napoleon zu begeben“, bis zu dessen Eintreffen in Hadersdorf hinauszuzögern. In der erwähnten Note schilderte Wrbna dem Kaiser in aller Offenheit die Stimmung der Bevölkerung und verschwieg ihm nicht, daß „die Liebe der Einwohner Wiens für Eure Majestät . . . abnehmen“ werde, „sollte die Gefahr der Invasion von der Hauptstadt nicht in letzter Minute abgewendet werden können“. Der tiefe Eindruck, den diese „freimütigen“ Äußerungen Wrbnas auf den Kaiser gemacht haben, zittert noch in der allerhöchsten Resolution nach, die diese Note beantwortet: ,,. . . Sollte ich die Stadt Wien und deren getreuen Inwohnern, wie es der Wunsch Meines Herzens war, nicht von der feindlichen Besitznehmung haben retten können, wie Ich es durch Schließung eines Waffenstillstandes zu erhalten versucht habe, so ist bloß die Schuld daran gelegen, daß die Bedingungen, welche der französische Kaiser damit verbunden hat, von der Art waren, daß sie selbst schlechter als der schimpflichste Frieden gewesen, Mich dem französischen Kaiser samt Meiner Monarchie ganz in seine Discretion übergeben und Mich folglich Meine Pflichten gegen letztere daran verhindert haben. Indessen erwarte Ich annoch eine Antwort des französischen Kaisers auf jene Anträge, welche Ich dem FML. Grafen Gyulay an ihn gegeben habe, und hoffe entweder dadurch oder durch die von Seite des Königs von Preussen übernommene armierte Mediation dem Wunsche Meines Herzens gemäß von der Stadt Wien und ihren Inwohnern das dieselbe bedrohende Unglück, wenn nicht zu verhindern, wenigst so viel es in Meinen Kräften stehet, zu vermindern und die Dauer desselben nach Möglichkeit abzukürzen. Die Bedingungen des vom Kaiser Napoleon angetragenen Waffenstillstandes werde Ich, wenn es die Umstände erfordern sollten, bekanntmachen lassen, um Mir den Trost zu verschaffen, daß die Bewohner Wiens überzeugt sein mögen, daß nur mehr wichtige Ursachen und Meine Pflichten gegen gesamte Meine Untertanen Mich verhindern konnten durch Eingehung derselben die Stadt Wien von der feindlichen Besitznahme zu retten. . .“ 5). Am 13. November 1805 zogen die ersten französischen Truppen unter Murat in Wien ein. Von diesem Tage an war die Stadt von allen Verbindungen abgeschlossen. Schon am 1) KFA, Fasz. 76 a. 2) KFA, Fasz. 76 a. 3) Fürst Prosper Sinzendorf. 4) Als Deputierte wurden Fürst Sinzendorf, der Prälat von Seitenstetten Graf Julius Veterani, der ständische Verordnete Ignaz von Keess, dann der Bürgermeister Stephan von Wohlleben, der Stadtoberkämmerer Alois Schwinner und der Magistratsrat Franz Pöltinger bestimmt und diesen vom Landgrafen von Fürstenberg, der von den Ständen zum Landmarschallsverweser gewählt worden war — der nö. Landmarschall Graf Saurau ging ja als Landeshofkommissär nach Steiermark — die nötigen Vollmachten ausgestellt. KFA, Fasz. 76 a, Note Wrbnas vom 9. November 1805. 5) KFA, Fasz. 76 a, a. u. Note Wrbnas vom 12. November 1805.