Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 73. Theophila Wassilko (Wien): Rudolph Graf Wrbna als landesfürstlicher Hofkommissär für Niederösterreich während der Besetzung Wiens im Jahre 1805

414 Wassilko, ZentraLkasse wurde der Obereinnehmer der Staatsschuldenkasse Weikard Löw von Gillen­berg bestellt1). An diesen ergingen im Einvernehmen mit dem Hofrat der Hof kammer von Barbier eine Reihe von Weisungen des landesfürstlichen Hofkommissärs, die die Anlage und Verwaltung eines Geheimen Fonds, der zur Disposition Wrbnas bestimmt war, zum Gegenstände hatten. Gillenberg sollte diese Geheime Kasse „mit aller nötigen Vorsicht“ in seiner Wohnung verwahren und besonders dafür sorgen, daß „niemand auf die Vermutung gerate“, dieselbe befände sich in seiner Wohnung. Über den Stand dieses Geheimfonds hatte Gillenberg jeden Abend Bericht zu erstatten. Den drei privilegierten Großhandlungshäusern Geymüller & Co., Fries & Co. und Arnsteiner & Eskeles wurden ebenfalls größere Geldbeträge mit der Weisung anvertraut, daß sie jederzeit zur Verfügung Wrbnas zu stehen hätten 2). Außerdem war vorgesehen, die in der Bankozettel-Hauptkasse befindlichen beträchtlichen Summen bei Annäherung des Feindes dem Magistrat mit dem Auftrag zu übergeben, „einige Stunden vor dem Einzuge der französischen Armee in Wien auf allen ihm vom Ärar über­gebenen Kassen und Depositen das Wappen der Stadt Wien anzubringen“ 3). Diese Vorsichts­maßnahmen vermochten allerdings nicht, die Kassen vor der Beschlagnahme durch die Franzosen zu retten. In der Stadt selbst waren bereits die in Not- und Kriegszeiten üblichen Erscheinungen aufgetreten. Bei Verkäufen wurde die Annahme der Bankozettel verweigert, das Metallgeld verschwand aus dem Verkehr und es mangelte bald an Kupfermünzen. Um diesen Schwierig­keiten abzuhelfen, sah sich Wrbna genötigt, durch den Magistrat Wien Münzzettel zu 12 und 24 kr. ausgeben zu lassen, die an Zahlungs Statt angenommen wurden und bei geänderten Zeitumständen wieder gegen Ausgabe von Kupfergeld eingezogen werden sollten 4). Die Sicherung der „Approvisionierung“ der Residenzstadt bildete ebenfalls eine große Sorge Wrbnas. Wien war zum Großteil auf die Lebensmittelzufuhren aus dem Marchfeld und aus Böhmen und Mähren angewiesen. Ruhe und Ordnung in der Stadt hingen von dem rechtzeitigen Eintreffen dieser Zufuhren ab. Wrbna beschwört daher den Kaiser in seiner alleruntertänigsten Note vom 9. November, worin er den Abtransport aller Kassen und der Schiffe der Zivilbehörden meldet — auch für die geflüchteten Güter der Privaten wurde damals ein Schiff zur Verfügung gestellt —, „nicht zuzugeben, daß durch die k. k. Armee die Zufuhr der Lebensmittel nach Wien verhindert werde“ 5). An diesem Tage, dem 9. November, hatte die feindliche Armee unter dem General­kommando des Prinzen Murat St. Pölten erreicht. Gemäß den an Wrbna mündlich ergangenen Weisungen des Kaisers sollte „wenn der Feind bis auf 2 Posten von der Stadt vorgerückt sein wird, die Garnison ausziehen, die Bürgerschaft alle Wachen übernehmen und die nö. Stände mit der hiesigen Bürgerschaft vereint eine Depu­tation an den Feind senden und mit ihm wegen Übergabe der Stadt zu capitulieren“ 6). Doch bestand noch so lange Hoffnung, der Stadt die Besetzung zu ersparen, als die Waffenstillstands Verhandlungen liefen. Um den entscheidenden Zeitpunkt für diese Form der Übergabe wahrzunehmen, erging am 7. November 1805 7) ein kaiserliches Handschreiben an Wrbna mit dem Auftrag, „daß sich mit der Kapitulation für die Stadt Wien nicht übereilt werde, damit falls durch den abge­schickten FML. Graf Gyulay ein Waffenstillstand eingegangen werden sollte, wir nicht die Stadt ohne x) Schreiben Wrbnas an den Hofkammerpräsidenten Graf Zichy vom 10. November 1805, LHK, Nr. 15. 2) Dekrete an Gillenberg vom 8. November 1805, LHK, Nr. 984. 3) Dekret an den Magistrat Wien vom 10. November 1805, LHK, Nr. 15. 4) Dekret an den Magistrat Wien vom 8. November 1805, LHK, Nr. 6, 36. 5) KFA, Fasz. 76 a, Note vom 9. November 1805. •) KFA, Fasz. 76 a, Note vom 1. November 1805. 7) An diesem Tage befanden sich der Kaiser und die Kaiserin noch in Wien. Die Kaiserin verließ die Hauptstadt am 8. November 1805.

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