Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 72. Hans Lentze (Innsbruck): Joseph von Spergs und der Josephinismus
Joseph von Spergs und der Josephinismus. 407 und Willen nicht seyn sollte. . . . Wenn Sie, theuerster Herr Bruder, schon 40 Jahre in wirklichen Diensten zählten, würde eine ehrenvolle Ruhe (denn mit Arbeiten kann man sich heut zu Tage nicht mehr Ehre machen) für dieselbe, nicht aber für das Land und das Ärarium vergnüglich seyn x).££ Sogar vor der Person des Kaisers macht die Kritik nicht halt. „Ein Glück, daß der Kaiser nicht genug Leute findet, die er seines Zutrauens würdig achte * 2).££ „Die Gesundheit des Kaisers ist noch nicht vollkommen hergestellt: dazu gehöret auch mehrere Ruhe für den Geist 3).“ Spergs und die josephinische Kirchenpolitik. Auch mit dem scharfen Tempo der Kirchenreform unter Joseph II. konnte sich Spergs nicht befreunden, obwohl er doch als Mitglied des Kreises der „Großen in Wien“ zu denen gehört hatte, die die josephinische Kirchenpolitik vorbereitet hatten 4). Er fühlte, daß jetzt eine andere Luft wehe, daß die neue Zeit eine andere Einstellung zur Kirche habe als die theresianische Zeit. „In politischem Kirchenregiment kommen immer neue Verordnungen heraus, die viel Nachdenken verursachen. Wenn itzo jener wegen ketzerischer Lehre verdächtige Einsiedler aus dem vorigen Jahrhunderte, wovon unser seeliger Vater erzehlt hat, wieder aufstünde, und seine alte zerstörte Klause hinder dem Berg lsei an der Sill wieder aufrichten wollte, würde der Prelat von Wilten ihn nicht mehr vertreiben dürfen. Wüsste der vor 30 Jahren aus gleicher Ursache von Hettingen (Hötting bei Innsbruck) verjagte Schustermeister die heutigen Umstände, so konnte (!) er, wenn er noch lebt, sicher dahin zurückkehren 5).“ Hiemit dürfte Spergs auf die Toleranzgesetzgebung des Jahres 1781 6) anspielen, zu der er sich merkwürdigerweise sonst nicht äußert, vielleicht deswegen, weil sie für die Länder, denen sein besonderes Interesse galt, die italienischen Provinzen und Tirol, praktisch ohne Bedeutung war. Gleichwohl haben die Stände Tirols gegen das Toleranzedikt vom 13. Oktober 1781 sofort Protest eingelegt und diesen Protest bei jeder sich bietenden Gelegenheit erneuert und um Aufhebung desselben gebeten mit der Begründung, daß es nur für solche Länder passe, wo schon mehrere Religionsgemeinschaften bestehen, nicht aber für Tirol, wo die römisch-katholische Religion die herrschende und alleinige sei7). Ausdrücklich lehnte er die Klosterpolitik Josephs II. ab 8). Unmittelbar nach dem Erlaß des Gesetzes vom 12. Jänner 1782 über die Aufhebung der beschaulichen Orden 9), schreibt er seinem Bruder 10): „Herentgegen ist den armen Klosterfrauen in drey Klöstern alhier ihre Wohnung bis auf Georgi schon aufgekündigt worden: alle übrigen, die von dem Beschaulichen Leben Profession machen, haben in den Ländern, so wie die Karteuser, und Kamaldulenser ein gleiches Schicksal. All dieses kommt mit meiner Gesinnung gar nicht überein.££ *) Br. Laicharding Vater, Nr. 45, 26. März 1783. 2) Br. Laicharding Vater, Nr. 40, 17. April 1782. 3) Br. Laicharding Vater, Nr. 42, 18. November 1782 4) Vgl. dazu Winter, a. a. O., S. 32 ff. 5) Br. Wilten, f. 138, Nr. XXXV, 26. September 1781. 6) Vgl. über diese: Mitrofanov, a. a. O., S. 713 ff.; Winter, a. a. O., S. 230 ff.; Frank, Das Toleranz-Patent Kaiser Josephs II. Urkundliche Geschichte seiner Entstehung und seiner Folgen, Wien 1882. 7) Kogler, Der Kampf Tirols um die Glaubenseinheit des Landes. Tiroler Heimatblätter, Bd. 16, 1938, S. 43; Hofer, Historisches Jahrbuch, Bd. 47, 1927, S 500 ff. 8) Über diese siehe Winter, a. a. O., S. 146 ff.; Mitrofanov, a. a. O., S. 684 ff.; Wolf, Die Aufhebung der Klöster in Innerösterreich 1782 bis 1790. Wien 1871, S. 16 ff.; Kusej, Joseph II. und die äußere Kirchenverfassung Innerösterreichs. Kirchenrechtliche Abhandlungen, hrsg. von U. Stutz, H. 49/50, Stuttgart 1908, S. 235 ff.; Geier, Die Durchführung der kirchlichen Reformen Josephs II. im vorder- österreichischen Breisgau. Ebenda, H. 16/17, Stuttgart 1905, S. 122 ff. 9) Abgedruckt bei Wolf, a. a. O., S. 27 ff. 10) Br. Wilten, f. 149, Nr. XXXVIII, 26. Jänner 1782.