Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683

Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenheiagerung Wiens im Jahre 1683. 361 weiter mit ihm geschehen sei, darüber habe man nichts mehr erfahren können. Camesina ist nun der einzige, der auf diese Stelle bei Feigius in seinem Werke „Wiens Bedrängnis“ — veröffentlicht als Bd. 8 der Berichte und Mitteilungen des Altertumsvereines zu Wien — hinweist, allerdings bemerkt er dazu, daß diese Version nicht sehr wahrscheinlich sei, da Michaelowitz auf alle Fälle auch unter Hintansetzung seines Lebens getrachtet hätte, nach Wien zu kommen *). Was war aber wirklich das weitere Schicksal des Kundschafters Michaelowitz ? Michaelowitz schlug fürs erste alle persönlichen Vorteile aus, wie aus einer Bescheinigung des ersten Sekretärs des Hofkriegsrates Valerius Michael v. Luffenthal vom April 1685 hervorgeht* 2). Erst im Jahre 1687 erhielt Michaeolowitz auf sein Ansuchen von Kaiser Leopold eine Pension von 150 Gulden jährlich, u. zw. ausdrücklich nicht allein für seine Dienste bei der ottomanischen Pforte und sonstigen orientalischen Angelegenheiten, sondern auch wegen seiner zweimaligen Kurierdienste während der Belagerung Wiens. In dem Pensionsdekrete wurde ihm aber zugesagt, er dürfe sich eine andere Gunstbezeugung erhoffen, wenn er damit nicht sein Auslangen fände 3). Aus dem früher erwähnten Gesuche um Gewährung eines Hofquartiers geht nun hervor, daß Michaelowitz in den Jahren 1683 bis 1688 unterschiedlich als Dolmetsch bei der Examinierung gefangener Türken mit dem Kammersekretär von Melmeck, dann 1689 beim Empfang einer türkischen Gesandt­schaft in Pottendorf bei Wien, hernach in Ungarn mit Hofkammerrat Baron Tullio Migilio und wieder mit Sekretär Melmeck tätig war. Schließlich fungierte Michaelowitz 1690 in der von den Türken abgetretenen Festung Kanicsa als Dolmetsch bei der Übergabs­kommission und mußte dann die türkischen Generäle, u. zw. den Festungskommandanten Mustapha und den Janitscharen-Aga Muhamed nach Belgrad begleiten 4). Dem Gesuche liegen auch Bestätigungen über die geleisteten Dienste während der Türkenbelagerung bei von Herzog von Lothringen5), Starhemberg 6), Hofkriegsratsekretär Luffenthal 7), vom Bürgermeister der Stadt Wien Simon Stephan Schuster 8) sowie von den erwähnten türkischen Generälen 9). Auf das Gesuch des Michaelowitz erfolgte am 27. Oktober 1691 die kaiserliche Entschließung 10). Sie lautete zustimmend. Über das weitere Leben des Michaelowitz ist nichts bekannt, nur über sein Sterben fand sich im Totenprotokoll im Archiv der Stadt Wien folgender Vermerk: „20. Februari 1699: Der Edle und gestrenge Herr Georg Michaelowitz, kaiserlicher Hofkammerdiener ins Herrn von Frantzenaus Haus (heute Glockengasse 4) in der Leopoldstadt ist an einer schwarzen Gailsucht und Lungen­katarrh beschaut, alt 50 Jahre.“ Nun wurde Michaelowitz vergessen. Erst spät — im Jahre 1887 — nannte die Gemeinde Wien eine kleine Gasse in Neumargareten, jetzt Meidling, nach ihm, der mehr­mals sein Leben für die Erhaltung der Stadt aufs Spiel gesetzt hat11), aber schon sieben Jahre später, bereits im Jahre 1894 wurde Michaelowitz auch diese bescheidene kostenlose Ehrung aberkannt. Die Gasse wurde nach dem Grundbesitzer Ignaz Ritter v. Neuwall in Neuwallgasse und im Jahre 1938 in Karl Löwe-Gasse umbenannt12). *) Camesina, Bedrängnis, S. 67. 2) Siehe Anhang IX. 3) Siehe Anhang X. 4) Siehe Anhang XI. 5) Siehe Anhang XII. «) Siehe Anhang XIII. 7) Siehe Anhang IX. 8) Siehe Anhang XIV. 9) Siehe Anhang XI. 10) Siehe Anhang III. n) Rudolf Franz, Die Wiener Straßennamen. Wien 1901, S. 49; Umlauft Friedrich, Namen­buch der Straßen und Plätze von Wien. Wien 1905, S. 71. 12) Rossa Ludwig, Straßenlexikon von Wien. Wien 1945, S. 316.

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