Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 70. Walter Sturminger (Wien): Die Kundschafter zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahre 1683
360 Sturminger, zeitigen Relationisten berichten — auf einem türkischen Pferde nach Wien zurück. Auf diesem Wege hatte er nämlich einen fouragierenden türkischen Reiter getroffen und hat ihm dann, als sie vertraulich miteinander sprachen, kurzerhand den Kopf abgeschlagen. Er schwang sich auf dessen Pferd und kam dann mit dem Pferde und, wie ausdrücklich erwähnt wird, mit der dem Türken abgenommenen Fourage nach Wien J). Bei seiner zweiten Ankunft beim Herzog von Lothringen war Michaelowitz auch die Ehre widerfahren, am 2. September in Hollabrunn dem Könige von Polen vorgestellt zu werden. Eine Bestätigung dafür konnte ich lange nicht finden. Sobieski selbst erwähnt nämlich diese Begegnung in seinen Briefen an seine Gemahlin Maria Casimira nicht, obwohl er sonst sehr ausführlich auch unbedeutende Dinge mitteilt. Endlich fand ich eine Stelle im Diarium des polnischen Artilleriepräfekten, das Kluczycki im 6. Band seiner „Acta historica res gestae Poloniae illustrantia“ veröffentlicht hat * 2). Dort wird der Bote wohl als Walache bezeichnet und nicht mit dem Namen benannt. Von diesem Momente an aber war Michaelowitz für die Nachwelt verschollen. In allen einschlägigen Werken liest man, Michaelowitz sei bei seinem Rückwege in die Hände der Türken gefallen und niedergemacht worden. Von allen Geschichtsschreibern kommt der Wahrheit am nächsten Johann Konstantin Feigius in seinem „Wunderbaren Adlerschwung“ 3), erschienen in Wien 1694. Merkwürdigerweise hat keiner der späteren Historiker mit Ausnahme von Camesina diese Quelle benützt. Feigius schreibt im zweiten Teile auf S. 71—72: Michaelowitz sei wohl von Herzog von Lothringen nach Wien abgefertigt worden, er habe auch seinen Weg diesmal gleich zu Pferde gegen den Kahlenberg genommen, habe aber an dessen Fuße noch in weiter Entfernung sechs Türken zu Pferde stillehaltend wahrgenommen. Während seines Rittes sei ihm nun der Gedanke gekommen, daß seine Sendung verraten sei, er habe aber doch den Weg fortgesetzt. Sobald aber die Türken ihn anscheinend wahrgenommen hätten, seien sie im Galopp auf ihn losgesprengt. Michaelowitz, der sein Roß mit einem von Lebensmitteln angefüllten Sacke belastet hatte, habe den Sack vom Pferde geworfen und sei so schnell das Roß rennen hätte können, gegen Klosterneuburg zurückgeritten. Als er nun bereits außer Gefahr gewesen sei, habe er einen Mann in türkischer Kleidung angetroffen, der ihm aber auf seine in türkischer Sprache gehaltenen Fragen keine Antwort geben konnte. Wie er ihn nun auf deutsch anredete, so habe der Mann erklärt, er sei ein Christ und aus dem türkischen Lager entflohen. Auf die Frage, was es denn dort Neues gebe, sagte er, die Türken hätten eine große Mine springen lassen, die Belagerten hätten darauf einen Kundschafter mit Briefen zu Herzog von Lothringen gesandt (gemeint ist hier die Botschaft des Seradly), dieser sei aber zu Kara Mustapha gegangen und habe ihm die Briefe ausgehändigt. Außerdem habe er verraten, daß der vorherige Kundschafter von den Wienern alle Augenblick erwartet würde, da er sicher Nachrichten wegen des so schmerzlich erwarteten Sukkurses bringen würde. Daher hätten die Türken an unterschiedlichen Orten — insbesondere zwischen der Donau und dem hohen nächstgelegenen Berge — gemeint ist der Kahlenberg, heute Leopoldsberg, nach dem Kundschafter Vorpaß gehalten. Michaelowitz habe sich nun mit dem Christen wieder ins Heerlager begeben, was aber x) Camesina, Bedrängnis, S. 60; Feigius, Adlers-Schwung, II, S. 64; Francisci, Schauplatz, S. 52; Francisci, Vor-Blitz, S. 574; Ghelen, S. 70; Hocke, S. 164; Huhn, S. 182/183; Leithner, S. 56; Rueß, 1683, S. 60; Rueß, 1684, S. 62/63; Schimmer, Wien, S. 247; Schimmer, London, S. 112/113; Smolle, S. 23; Summarische Relation, Regenspurg, Nürnberg, S. 9; Thürheim, S. 142; Toifel, S. 395; Uhlich, S. 98. 2) Kluczycki Franz, Acta historica res gestae poloniae . .. Bd. VI, Krakau 1883, S. 584/585 (Diarium Artilleriae praefecti); Dyarijusz wyiazdu z Krakowa pod Wieden Jana III. Roku 1683. Krakowie 1784. Kluczycki Franz, König Johann III. im Feldzug gegen die Türken im Jahre 1683 (König Johann III. vor Wien). Krakau 1883, S. 53; Kuklinski, S. 41; Récit., S. 98. 8) Feigius, Adlers-Schwung, II, S. 71/72.