Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 69. Otto Forst-Battaglia (Wien): Michal Wiániowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens

Michal Wiéniowiecki. 343 der zweite empfindlichere Stoß, der von Osten her kam, kehrte sich gegen Ehre, Gut und Leben. In der Ukraina rangen mehrere Bandenführer um die Würde des Hetmans. Dorosenko, der Mächtigste und der Begabteste unter ihnen, übte seit dem Vertrag von Podhajce (19. Oktober 1667) die Obergewalt, theoretisch als Lehensmann des polnischen Monarchen. Er betrachtete von den drei Rivalen um die Hoheit über die Kosaken: dem Sultan, dem Zaren und der Königlichen Republik, den Schwächsten als das geringste Übel. Als jedoch von Warschau aus der Ataman Hanenko unterstützt wurde, unterwarf sich Dorosenko der Pforte, mit deren Hilfe er bei Steblov am 29. Oktober 1669 den Schützling der Polen besiegte. Damit waren indes noch nicht alle Brücken abgebrochen. Dorosenko bot in einem Brief an den Krongroßhetman Sobieski diesem die gemeinsame Eroberung der gesamten Ukraina links des Dnjepr an (1. März 1670), damit die Rückkehr zur Vasallenschaft gegenüber Polen. Allein die leidigen inneren Händel bewirkten die Ablehnung dieses Anbots durch die Warschauer Machthaber. Es genügte, daß Sobieski für Dorosenko sprach — aus sachlich einwandfreien Gründen —, damit Michal I. für Hanenko eintrat, mit dem nach längeren Verhandlungen in Ostróg am 2. September 1670 ein umfassender Pakt abgeschlossen wurde. Der Reichstag vom Herbst dieses Jahres bestätigte dieses Ab­kommen. Dorosenko machte nun Ernst mit seiner Huldigung an die Türken. Schwer gereizt durch die Ermordung seiner Bevollmächtigten, die bei der damaligen Ohnmacht des polnischen Staates am Täter, einem Szlachcic, nicht gesühnt werden konnte, rief der Hetman, nach einem letzten von Vorwürfen, Klagen und Drohungen durchsetzten Brief­wechsel mit Sobieski, die Hilfe des Sultans an. Im Jänner 1671 überbrachte ein durch­reisender Priester dem Krongroßfeldherrn zuverlässige Meldungen über einen geplanten Angriff der Osmanen gegen Kamieniec. Mitte März berichtete der Lemberger Vladyka Szumlanski, zurückgekehrt von einem Besuch bei Dorosenko, daß die Tataren nahten. Die militärischen Kräfte Sobieskis waren ganz unzureichend, kaum 12.000 Mann, davon nur 8000 für das Feld verfügbar. Von Warschau aus verhieß man den Beistand des Landsturms; man erbat ferner die Unterstützung österreichischer Truppen. Ehe sich das Pospolite Ruszenie überlegt hatte, ob es sich versammeln sollte und ehe die Nachricht vom Abschluß eines neuen österreichisch-polnischen Bündnisses vom 12. Juli 1671 in die gefährdeten Gebiete drang, waren die barbarischen Hdoren da. Sobieski zog ihnen mit kaum 4000 Mann entgegen. Mit diesem Häuflein kriegsgewohnter Veteranen schlug er eine Schar der Eindringlinge nach der andern. In sechs Tagen durchmaß er kämpfend 240 km. Am 28. August stand er vor Bar, Ende September erreichten polnische Vorhuten die Grenze der Dzikie Pola. Zahlreiche Orte ergaben sich, andere wie Winniza, wurden in schnellem Zugreifen erobert. Mitte Oktober war fast die gesamte Ukraina, deren Polen seit einem Vierteljahr hundert verlustig gegangen war, vom Schwert des Kronhetmans bezwungen. Dorosenko begann zu zittern und bat um Frieden. „Mich trennt und mich entfernt nichts Andres von der Krone Polen“, schrieb er an Sobieski, „als das Mißtrauen, das meinen Glauben und meine fromme Tugend erstickt“. Wenn jetzt hinter der Helden­schar Sobieskis der Landsturm erschienen wäre, dann hätten die errungenen Erfolge gesichert werden können. Statt dessen saß Wisniowiecki erst in Lublin, dann in Zamosc und wartete vergebens auf die Herrn Brüder, wartete und schrieb, schrieb und wartete. Niemand folgte dem Aufgebot. Dafür holte die politische Gehässigkeit zu einer abscheulichen Meintat aus. Sobieski wollte in der Ukraina überwintern, da traf ihn überraschend die Meldung, der litauische Hetman Pac habe am 16. Oktober das Heer des Großherzogtums heimgeschickt. Um nicht eine Katastrophe heraufzubeschwören, hieß es sofort den Rückzug antreten. Am 1. November 1671 verkündet der tief erbitterte Kronhetman das Ende der Campagne. Er kehrte nach Lemberg zurück, wo er schwer erkrankte. Bald stand die Ukraina wieder

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