Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 69. Otto Forst-Battaglia (Wien): Michal Wiániowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens

342 Forst - Battaglia, Die Eheschließung des Königs mit einer Habsburgerin trieb die Mißvergnügten zu noch heftigerer Opposition. Sie befürchteten mit Recht, es werde nun nicht so leicht sein, den Gatten einer Erzherzogin zu entthronen, wie das sonst mit dem an sich unbedeutenden und wenig begüterten Wisniowiecki möglich gewesen wäre. Da mußte als Gegengewicht der ganze Einfluß Frankreichs in die Waagschale geworfen werden. Das Kabinett von Versailles mußte im Hinblick auf die damaligen, kurz währenden, guten Beziehungen zu Österreich amtlich Zurückhaltung üben. Hinten herum aber wurde dem Grafen von St. Paul gestattet, sich als Gegenkönig einer den Magnaten geplanten Erhebung aufstellen zu lassen. Sproß einer Bastardlinie der Capetinger, Schwestersohn Condés, war dieser schöne, ritterliche und tollkühne Kavalier das Widerspiel Michals I. Mit dem Bewerber konnte man hoffen, den heimischen polnischen Adel schnell umzustimmen. Die Verschwörung scheiterte zunächst durch Verrat. Ein schwedischer Gesandt­schaftssekretär übergab dem Warschauer Hof Abschriften der Briefe St. Pauls an dessen polnische Parteigänger. Vom österreichischen Gesandten Mayern gestützt, ließ Wisniowiecki Nachrichten über die Anschläge der Unzufriedenen öffentlich kundmachen. Die Szlachta schrie Rache an den Aufrührern und diese flüchteten eilig aus Warschau, manche bis nach Danzig. Doch der Triumph des Hofes dauerte nicht lange. Im Juli 1670 traf der Bevoll­mächtigte des Grafen von St. Paul, Abbé Courthonne de Paulmiers an der baltischen Küste ein, ,,ein Mann wiewohl geistlichen Standes, doch von großer Courage und wunderfertigem Verstände“, der gemeinsam mit dem Primas und mit Morsztyn die unsicher gewordenen Widersacher Österreichs beruhigte und in ihren ursprünglichen Absichten bestärkte. Die Intransigenz der Pac und Dymitr Wisniowieckis auf der andern Seite trug dazu bei, den Freunden des innern Friedens, hier, bei den Königlichen, Olszowski, dort, bei den Unzu­friedenen, Sobieski Hindernisse zu bereiten. Auf dem Reichstag im Herbst 1670 standen die Anhänger des Hofes und die Opposition einander schroff gegenüber. Dem kurzsichtigen Michal aber schien es, er habe über die Feinde seines Königtums gesiegt. Behängt mit Tand und Flitter, genoß er die Flittermonate seiner Macht weit froher als die seiner Ehe. 3. Sturm vom Meer und Sturm aus der Steppe. Schon wenige Wochen nach dem glücklichen Ende der Parlamentssession enthüllte eine fremde Gewalttat den Verfall des polnischen Willens zur Selbstbehauptung. Ein Flüchtling aus dem hohenzollernschen Ostpreußen, Christian Ludwig v. Kalckstein, Sohn eines brandenburgischen Generals, Offizier in französischen, kurfürstlichen und polnischen Diensten, übrigens ein streitsüchtiger, wenig anziehender Krakeeler, bemühte sich auf dem Reichstag, einen „Supplex Ducatus Prussiae libellus“ zu verfechten, den unzufriedene Kreise des ostpreußischen Adels und des Königsberger Bürgertums an Polen, als Trägerin einer Eventualhoheit über das im Wehlauer Vertrag abgetretene einstige Lehensherzogtum, gerichtet hatten. Friedrich Wilhelm war der Wortführer der auftrutzenden Stände sehr lästig. Er forderte dessen Auslieferung und als diese abgelehnt wurde, ja als sich Bischof Olszowski, selbst ein Preuße polnischen Anteils, des „desparat, rasend und katholisch“ Gewordenen annahm, befahl der Kurfürst Kalckstein „heimlich beim Kopfe zu nehmen“. Der brandenburgische Resident lockte den Ahnungslosen durch Freundschaftsbeteuerungen zu sich und ließ ihn dann auf hohenzollernsches Gebiet verschleppen. Die Entrüstung der polnischen Öffentlichkeit über diesen Streich war sehr groß. Michal, seine Minister, die Land­tage protestierten. Der Kurfürst fand sich auch zu Entschuldigungen bereit, er berief den ungeschickten Diplomaten Brandt aus Warschau ab, der aus Angst, seinen Kopf physisch zu verlieren, ihn im übertragenen Sinne verlor. Doch Kalckstein blieb in Haft, er wurde nicht zurückgeleitet und er erlitt schließlich nach zwei Jahren als Aufrührer den Tod durch Henkershand. Dieser ungesühnte Schlag kränkte die polnische Ehre,

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