Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 69. Otto Forst-Battaglia (Wien): Michal Wiániowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens
Michál Wiéniowiecki. 341 Michal Wisniowiecki wird genannt, der Ruf pflanzt sich von Reihe zu Reihe fort. Widerstand der Magnaten ist vergeblich. Prazmowski wird herbeigeschleppt. Er muß „nemine contradicente“ den fortan ihm zu tiefst Verhaßten zum König proklamieren. 2. Flittermonate. Michal Wisniowiecki, 29 Jahre alt, auf den Thron erhoben, dem Blute nach und in seinem Aussehen von den Altpolen sehr verschieden, vereinte zwar von der Mutter her bestes polnisches Ahnenerbe, bis hinauf zu den Piasten, doch sein Wesen war mehr durch die russischen, moldauischen, serbischen und ungarischen Vorfahren geprägt, deren Spuren er im mediterran-tatarischen Antlitz trug. Klein, frühzeitig kahl, linkisch, hatte er „nullement cette mine relevée et cet air guerrier qui fait toujours plaisir aux soldats“. Er mißfiel instinktmäßig den tapfern männlichen Aristokraten, den Bessergewachsenen, die ihn als ,,le singe“ verhöhnten. Die erotische Minderwertigkeit des zweigeschlechtlich veranlagten Fürsten wurde später, als sich die Folgen oder das Ausbleiben von Folgen in der Ehe des Königs zeigte, zur Staatsaffäre. Mit diesen seinen natürlichen Mängeln, von denen die ihm zujubelnde Szlachta nichts ahnte, wäre Wisniowiecki auch dann gescheitert, wenn er weniger an modischem Firlefanz gehangen hätte, wenn er minder gefräßig und wenn er fleißiger gewesen wäre. Gutmütig, gelehrt, abergläubisch fromm, bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt, hatte dieser unkönigliche Herrscher dennoch eine Regententugend. Er war stolz: „Ich will lieber mein Leben als die Krone verlieren.“ Dieser Entschluß verlieh dem Wankelmütigen Standhaftigkeit in allem, was sein Monarchentum anging; aus dem gleichen Grunde wahrte er seinen vornehmsten Ratgebern Treue. Andrzej Olszowski, der Vizekanzler, Europäer in des Wortes bester Bedeutung, in Rom, Padua und an der Sorbonne geformt, durch häufige diplomatische Sendungen zum Staatsmann herangereift, suchte seinen Erkorenen als Werkzeug zu edlem Zweck zu gebrauchen. Dem Bischof schwebte eine Stärkung der Königsgewalt und damit des Reichs, im Einklang mit dem Kaiserhofe vor. Versöhnlich und großmütig, hat Olszowski stets den Gemeinnützen vor Eigensucht gestellt. Anders die beiden weltlichen Ratgeber des neuen Königs, sein Oheim Fürst Dymitr Wisniowiecki, ein tückischer, hochfahrender und leidenschaftlicher Magnat, das Urbild eines reussischen Großgrundherrn, der ohne Zagen nach Macht und nach Reichtum strebte; dann der litauische Kanzler Krzysztof Pac, klug, wortgewandt, doch eigenwillig und rachsüchtig, ein Muster der bis ins Pathologische auf ihr Familieninteresse eifersüchtigen Oligarchen seiner engeren Heimat. Pac und Wisniowiecki störten die Bemühungen Olszowskis und der hochgesinnten Mutter des Königs, Gryzelda Zamoyska, die Gegner zu beschwichtigen und das Land gegen die Türkengefahr zu einen. Allerdings herrschte bei der französischen Partei geringe Neigung, die erlittene Niederlage zu verschmerzen. Die Krönung (29. September 1669) wurde in wenig festlicher Stimmung vollzogen. Während des ihr folgenden Reichstages gelobten die Leiter der Opposition, der Primas, Sobieski und Jablonowski, den Erkornen der Szlachta niemals als rechtmäßigen Monarchen anzuerkennen. Der Reichstag wurde zuletzt zerrissen, ohne daß man die dringenden Maßnahmen gegen den äußeren Feind beschlossen hätte. Deshalb suchte Olszowski die Verbindung mit Österreich zu verstärken und die Vermählung des Königs mit Erzherzogin Eleonore zu beschleunigen. Leopold I. hatte sich nicht lange besonnen, an Stelle des Lothringers den vordem gering geachteten Wisniowiecki als Schwager zu begrüßen, „weilen nit alle Tag König gefunden werden“. Die Braut reiste, von ihrer kaiserlichen Mutter begleitet, nach Polen; am 27. Februar 1670 wurde zu Czestochowa die Trauung vollzogen. Gleich darauf fuhr das junge Paar nach Warschau, wo der zweite Reichstag Michals I. wiederum durch das Veto der Franzosenfreunde gesprengt wurde.