Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)

VII. Allgemeine und österreichische Geschichte. - 69. Otto Forst-Battaglia (Wien): Michal Wiániowiecki. Ein Kapitel aus einer politischen Geschichte Polens

340 Forst - Battaglia, die von Leopold I. vielbewunderte geliebte Stiefmutter, die andere Eleonore, Ferdinands III. Witwe, mit dem Töchterchen auch die polnische Krone zudachte. Man brauchte sich in Wien um so weniger Skrupeln zu machen, als auch Ludwig XIV. und Friedrich Wilhelm von Brandenburg jeder hinter der pfälzischen Kandidatur andere, wahrere Absichten ver­bargen. Frankreich wünschte den großen Condé oder den Herzog von Enghien, der Hohen- zoller wollte seinen Sohn Karl Emil auf dem Thron der Jagellonen sehen. Das Kabinett von Versailles verfolgte damit zunächst das negative Ziel, die Österreicher aus Polen fern­zuhalten. Der Kurfürst dagegen plante eine Verschmelzung seiner Erblande und der königlichen Republik: „wen diese beiden Statten zusammen kernen, in was consideration die Republick wurde sich stellen, ja wo wurde eine macht gegen diesse sein“. Andere fürstliche Bewerber als die Österreichs, Frankreichs und Brandenburgs hatten keine ernste Aussicht, weder die abenteuerliche Christine von Schweden noch der Zar von Moskau. Der Mann, der zum Macher dieser Wahl werden sollte, Bischof Olszowski, einer der wenigen, die von der Wiener Urkunde von 1657 wußten, erledigte in seiner meisterhaft der Psychologie der Szlachta angepaßten Schrift ,,Censura candidatorum“ den Moskowiter als Analphabeten, Condé als bedrohlich für die Adelsfreiheit, den Pfalzgrafen als Deutschen; nur die beiden für Österreich annehmbaren Rivalen bekamen gute Noten, Lothringen als bester ausländischer Anwärter, Wisniowiecki indes als ,,Piast“. Über den Sinn dieses Wortes herrscht oft Unklarheit. Es heißt, im Bewußtsein jener Zeit, soviel wie Nachkomme des Weibesstammes der ausgestorbenen nationalen Dynastie, der Piasten, nicht etwa nur: Pole. Jerzy Lubomirski, die Ostrogski und Wisniowiecki waren gemeinsame Nach­kommen der letzten masowischen Piastin, über die Magnatengeschlechter der Odrow^z und Kostka. Bei Beginn des Interregnums rechnete man freilich nur mit fremden Kandidaten. Der glänzende, listige, liebenswürdige und liebeshungrige Bischof Bonzy, ein Franko-Italiener aus der Schule Mazarins, warf mit Geld und mit Versprechungen herum und wiegte sich in Siegeszuversicht für Condé. Brandenburg, durch Hoverbeck und einen Sonderbotschafter Crockow nicht minder gut vertreten, gab einsichtig das Spiel verloren, ohne an nutzlosen Kampf mit Frankreich zu denken. Die Bevollmächtigten des Pfalzgrafen, plumpe ungelenke Bürokraten, verdarben an der Sache ihres Herrn, was daran noch zu verderben war. Der österreichische Botschafter Graf Schaffgotsch, amtlich angewiesen, den Pfalzgrafen „allein zu rekommandieren“ und sich gegen die Lothringer „dubios und perplex zu erzeigen“, hatte zugleich Geheimbefehle Leopolds I. und der Kaiserin-Witwe, für Prinz Karl alles zu tun, was nicht offen den Vereinbarungen mit Ludwig XIV. widerstritte. Lothringens eigene Gesandte, geführt vom geschmeidigen Chavagnac, gewannen rasch Terrain. Der Wahlwerber selbst saß in Tarnowitz, nahe der polnischen Grenze, führte offenes Haus und von Hunderten aus der Szlachta, die dort ihre Aufwartung machten, kam keiner unbeschenkt oder nüchtern heim. Es klingt wie Ironie, daß der Konvokationsreichstag von November 1668 einen Eid festsetzte, niemand dürfe einen Herrn wählen, auf dessen Namen er etwas angenommen hatte. Glücklicherweise erklärte der Interrex, Theolog und Staatsmann in einer Person, dergleichen Eide seien, als erzwungen, kraftlos. Auf dem Wahlreichstag, der am 2. Mai 1669 eröffnet wurde, tanzten französische Livres, österreichische Taler und lothringische Dukaten verführerisch um die Wette. Doch der in ungezählten Scharen erschienene Adel zerstörte den Magnaten die schönsten Berechnungen, allerdings nur, um — unbewußt — den politischen Rechenkünsten Olszowskis zu gehorchen. Nachdem Condé, unter allen Begleit­erscheinungen einer revolutionären Massenbewegung, von den Senatoren als Thronkandidat ausgeschlossen worden war (6. Juni), ging am Wahltag, den 19. Juni 1669, die Saat auf, die tüchtige Agenten ausgestreut hatten. Die tobende Szlachta erzwang vom ranghöchsten Bischof, der den sich krankmeldenden frankreichfreundlichen Primas vertrat, den Beginn der Abstimmung. Der Name des Fürsten

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