Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels
184 Prader, barkeit festhält, so hat es praktisch dieselbe nach Ende des 17. Jahrhunderts nicht mehr beansprucht, sondern wie aus den Protokollen ersichtlich ist, nur mehr eine gewisse Korrektionsgewalt über seine Mitglieder, hauptsächlich durch Anwendung von Zwangsbußen, ausgeübt. Es wird immer eigens betont, daß es sich um ein Vorgehen ,,de plano, sine strepitu et forma iudicii“ handle x). Wenn noch fernerhin Wahlkapitulationen beibehalten wurden, so enthalten sie nach 1702 nicht mehr die Artikel über die geistliche Strafgerichtsbarkeit, sondern nur mehr über eine Zivilgerichtsbarkeit, welche weltlichen Charakter hatte. Hauptsächlich beinhalten die Artikel Vorschriften über die Verwaltung der Mensalgüter * 2). 7. Juridische Rechtfertigung der Strafgerichtsbarkeit nach dem Tinderntinum. Wenn das DK vor dem Tridentinum auf Grund eines uralten Gewohnheitsrechtes seine Gerichtsbarkeit rechtmäßig ausüben konnte, so war die Beibehaltung seiner vor- tridentinischen Rechte zweifellos auf keinem legalen Rechtstitel gestützt. a) Das Kapitel wäre nicht berechtigt gewesen, ohne eine Beteiligung des Bischofs gegen Kanoniker strafrechtlich vorzugehen. Die Vorschrift der Sess. XXV, cap. 6 de ref., berechtigte dazu allein den Bischof mit Beiziehung zweier durch das Kapitel gewählter Mitglieder. b) Über die Benefiziaten und die übrigen Kleriker stand auch an exempten Kapiteln auf Grund des zitierten Dekretes die Gerichtsbarkeit einzig und allein dem Bischof zu. c) Das DK konnte sich nicht mit Recht auf die alten Privilegien und Gewohnheiten berufen, auch nicht auf richterliche Entscheidungen und Kapitulationseide 3). d) Von Rom bestätigte Verträge zwischen Bischof und DK hinsichtlich einer Strafgerichtsbarkeit, welche aber bloß deren Urheber verpflichtet hätten, waren nie zustande gekommen 4). Nun entsteht noch die Frage, ob diese Gerichtsbarkeit des DK nach dem Tridentinum durch eine gegen die Dekrete des Konzils sich gebildete Gewohnheit gerechtfertigt werden kann. Die Klausel „nonobstante quacumque consuetudine etiam immemoriabili“ schließt an sich das Entstehen eines gegenteiligen Gewohnheitsrechtes nicht aus 5). Es kommt nur darauf an, ob eine Gewohnheit gegen Dekrete des Konzils rationabilis ist oder nicht. Eine Art. 6. Praefatus Episcopus non impediet antiquissimam a Summis Pontificibus et a multis successive Episcopis roboratam iurisdictionem Decani et Capituli in Canonicos tam Cathedralis quam Colle- giatae B. M. V. et in clerum chori, tam in causis civilibus quam criminalibus; in clerum vero Civitatis Brixinensis, et suburbiorum competat Capitulo iurisdictio cummulativa cum Domino Ordinario, iuxta tenorem statutorum, ita ut praeventi locus esse debeat, iis causis exceptis, quae ob atrocitatem suam, delinquentis vitam aut sanguinem concernentes Domino Ordinario discutienda relinquantur. Ipsos etiam Praelatos, Canonicos, sive residentes, sive non residentes, etiam Hospitalia et Parochias pleno iure incorporatas administrantes, et Beneficiatos huius Civitatis . . . non incarcerabit, nec excommunicabit vel interdictum seu suspensionem nec etiam ullum processum, sive informativum, sive iudicialem in eos insinuat nisi in defectum decani, Capituli ... et time nonnisi Capitulo praevia monitione facta. .. . Liceat tamen eidem Episcopo in his et aliis articulis, Jurisdictionem ven. Capituli concernentibus, ipsum Capitulum et Decanum, sive in visitationibus, sive extra paterne commonefacere ipsiusque defectibus obviare.“ q Prot. Cap. XVII, 521, 523; XXII, 325 ff. 2) DKA, Lade 101. Articuli iurati der Jahre 1747, 1779. 3) Sess. XXV, cap. 6 de ref: „Nonobstantibus .. . privilegiis etiam ex fundatione competentibus, necnon consuetudinibus etiam immemoriabilibus, sententiis, iuramentis, condordiis, quae tantum suos obligant auctores.“ 4) Hinschius, KR, II, S. 151. DKA, Lade 25, n. 8. Das DK behauptet, daß die Statuten vom Jahre 1485 durch Papst Paul III. 1539 bestätigt worden seien. Das Original dieser Bulle ist nicht mehr vorhanden, wohl aber eine Abschrift. Es handelt sich dabei aber offensichtlich um eine Fälschung. Das hat auch die S. C. Conc. erklärt (vgl. Analecta Pont. 1881, 844). In den Registern des Vatikanischen Archives scheint diese Bulle auch nicht auf. 5) Van Hove, De consuetudine, p. 188; Reiffenstuel, I, 4, n. 53, 185—187; Aichner Simon, Compendium, p. 52 ed. VII.