Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/2. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1951)
V. Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte - 58. Josef Prader (Brixen): Die Gerichtsbarkeit des Brixner Domkapitels
170 Prader, c) Auch über den an den voll inkorporierten Pfarreien und an den Spitälern zum Hl. Kreuz in Brixen und zu den 12 Aposteln in Klausen angestellten Klerus übte das DK eine gewisse Strafgewalt aus, sofern es sich um Vergehen gegen die geistlichen Amtspflichten und gegen die vorgeschriebene Temporalienverwaltung handelte. Jedoch durfte auch diese Strafgewalt die durch die Statuten gegebenen Grenzen nicht überschreiten. Das DK konnte gegen seine Vikare auch mit strafweiser Amotion Vorgehen 1). Da aber die vicarii perpetui nach dem allgemeinen Recht nur auf dem Wege eines Strafprozesses abgesetzt werden konnten 2), war das DK bestrebt, womöglich nur widerrufliche Vikare einzusetzen 3). Zudem hatte das DK ein Rechtsmittel, sowohl gegen die beständigen als auch gegen die widerruflichen Vikare mit Amotion vorzugehen. Alle Vikare mußten nämlich nach ihrer Wahl einen Eid schwören, worin vorgesehen war, daß sie im Falle der Nichteinhaltung der beeideten Artikel ipso iure abgesetzt seien 4). 4. Der Umfang der Gerichtsbarkeit des Domkapitels. Die Statuten von 1485, n. 2, und 1622, cap. Ill, sagen: „Decanus habet et debet exercere iurisdictionem et cohercionem gradualem in omnibus causis civüibus et criminalibus civiliter intentatis . . . iurisdictione tamen episcopi in causis criminalibus criminaliter intentatis . . . salva.“ L) Santifaller, Statuti, p. 101. In der Privilegienbestätigung des Bischofs Georg vom Jahre 1442 heißt es: „Concedimus vobis plenam potestatem tenore presentium prout hactenus per aliquos nostros predecessores concessum est, ut liceat vobis in ecclesiis parochialibus capitulo vestro et fabricae ecclesiae Brixinensis incorporatis, unitis et annexis, quociecumque et ex quacumque causa vacaverint seu opus fuerit, personas ydoneas instituere et investire curamque animarum eis nomine nostro committere et eos ad nutum, quocies opportunum fuerit amovere, nostro et nostrorum successorum consensu et licentia super hoc minime requisitis.“ Lib. priv., p. 281: Den gleichen Wortlaut finden wir in der Privilegienbestätigung des Bischof Golser vom Jahre 1472. DKA, Lade 101: Christoph Andreas von Spaur beeidet 1601 den Artikel der Wahlkapitulation: „Non impediet Capitulum quin possit et valeat prout hactenus per episcopos praedecessores similiter Capitulo concessum est in ecclesiis parochialibus mense capitulari et fabricae Brixinen. incorporatis, unitis et annexis, vicarios libere deputare, eosdem si necesse opportunumve fuerit, rursus amovere.“ DKA, Lade 106: Das gleiche Recht wird auch in den Kapitulationen vor und nach dem Jahre 1601 bestätigt. DKA, Lade 102, n. 13 D und Prot. Cap. XIV, 39: Nach Schlichtung eines Streites zwischen DK und Bischof Sigismund Alfons kam es 1668 VI 17 zu einer Transaktion, welche von Rom bestätigt wurde, worin sich der Bischof verpflichtete, dem DK auch weiterhin das Recht, die Vikare abzusetzen, anzuerkennen. Im Falle einer Appellation war das bischöfliche Gericht zuständig. 2) Hinschius, KR, II, S. 453; Phillips, KR, VII, S. 354. 3) Prot. Cap. XIII, 9, 13. Besonders nach dem Tridentinum bestand das DK auf Amovibilität der Vikare. 4) In den Statuten von 1422, n. 35, und 1485, n. 45, war die Vorschrift enthalten, daß die Spitalverwalter zum Hl. Kreuz in Brixen und zu den 12 Aposteln in Klausen einen Eid schwören mußten, die Verwaltung nach den bestehenden Vorschriften zu führen, jedes Jahr darüber Rechenschaft abzulegen usw. „Alioquin trina monitione canonica premissa dictis hospitalibus ipso facto sint privati.“ Auch die Statuten von 1622, cap. VIII, enthalten diese Strafklausel. Entsprechende Verpflichtmagen mußten auch die Vikare der inkorporierten Pfarreien beeiden. Und am Ende des Eides war ebenfalls die Klausel: „Si huic iuramento in aliquo negligenter malitiose seu contumaciter contra venero, ipso facto parochia privatus existam.“ Vgl. Berardi C., Commentaria, I, 432: Der Verlust eines Benefiziums trat ipso iure ein, wenn sich der Inhaber eines solchen Vergehens schuldig gemacht hatte, welches vom allgemeinen Recht oder von einem Partikulargesetz mit der Strafe der Absetzung bedroht war. Prot. Cap. V, 620, 628, 654; VI, 533, 625; VII, 203; IX, 224, 361, 417, 497 f.; Aus diesen und anderen protokollierten Fällen ist ersichtlich, daß die Absetzung immer nach einem vorhergehenden Administrativ- verfahren geschah und durch deklaratorische Sentenz mit einem Amotionsdekret vollzogen wurde. Trat Appellation ein, so wurde das Untersuchungsverfahren noch einmal vom bischöflichen Gericht aufgenommen und im Auftrag des bischöflichen Gerichts sprach dann das Dekanalgericht die endgültige Sentenz aus.