Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 46. Erich Zöllner (Wien): Aus unbekannten Diplomatenbriefen an den Freiherrn Franz Binder von Kriegeistein
Aus unbekannten Diplomatenbriefen an den Freiherm Franz Binder von Kriegeistein. 747 Eigenschaft nach Berlin versetzt, wo er Wessenberg ablösen sollte. Dieser hatte sonst zwar durchaus zur Zufriedenheit seines unmittelbaren Vorgesetzten Philipp Stadion gearbeitet *), ließ aber jene Geschmeidigkeit vermissen, die zum Umgang in der „zweiten Gesellschaft“ gehörte, jenen Kreisen, welche der Gesandte notwendigerweise meiden mußte, die aber als Informationsquelle wichtig waren * 2). Wir erfahren von Stadion, daß man Binder im Amte sehr schätzte 3), tatsächlich gewann er bald auch das Vertrauen seines neuen Vorgesetzten, bei dem er später, wenn wir Gentz glauben dürfen, in hoher Gunst stand 4). Die Versetzung Stadions nach Petersburg ermöglichte Binder den Befähigungsbeweis für selbständige Tätigkeit durch erfolgreiche Führung der Geschäfte der Berliner Gesandtschaft bis zum Eintreffen von Stadions Nachfolger Metternich5) zu erbringen, während die folgende Arbeit unter Metternichs Leitung ein mehr als ein halbes Jahrhundert umfassendes Verhältnis dienstlicher Zusammenarbeit und bald auch persönlicher Freundschaft begründete. Im Jahre 1805 wurde Binder zum Legationsrat befördert und als Metternich im April 1806 Berlin verließ, um die verantwortungsvollste Stellung einzunehmen, die einem österreichischen Diplomáién damals zugewiesen werden konnte, jene des Botschafters am Pariser Hofe, übernahm Binder wieder für fast drei Jahre die Führung der Geschäfte in Berlin. So erlebte er in dieser Stadt die wechselvollen Ereignisse vom Frieden von Lunéville, über den Reichsdeputationshauptschluß, die Schaffung des französischen und österreichischen Kaisertums, Austerlitz und Preßburg, Jena und Tilsit bis zum Vorabend des Krieges von 1809. Seine Berichte zeigen ihn als aufmerksamen, sachlichen Beobachter, stets gut und schnell informiert, im eigenen Urteil aber vorsichtig zurückhaltend 6). Aus Binders Berliner Zeit stammen die frühesten jener Diplomatenbriefe, welchen diese Untersuchung vor allem gewidmet ist. Es bedarf keines weiteren Hinweises, daß ein Mann in seiner Stellung dauernd mit Berufskollegen und anderen Angehörigen der Gesellschaft in einem Briefwechsel teils amtlichen, teils privaten Charakters stand; Persönliches und Politisches fließen im Inhalt dieser Schreiben meist ineinander, der Typus des „amtlichen Privatbriefes“ ist der vorwiegende. Was uns im Familienarchiv der Binder-Kriegelstein in St. Georgen an der Stiefing erhalten ist und von seinem jetzigen Besitzer in zuvorkommender und dankenswerter Weise der Wissenschaft zur Verfügung gestellt wurde 7), stellt nur einen Bruchteil der Briefe dar, die Franz Binder empfing, jene, die wegen ihres Inhaltes oder auch wegen der Person der Absender ihm und den Verwaltern seines Nachlasses als besonders bemerkenswert erschienen und dem Papierkorb entgingen. Zwei Schreiben des späteren preußischen Staatskanzlers Hardenberg aus Tempelberg vom 25. Juli und vom 2. September 1806 stehen zeitlich an der Spitze, sie betreffen die Übersendung von Familienpapieren mit Hilfe eines österreichischen Kuriers und ein von Philipp Stadion an Hardenberg geschicktes Paket unbekannten Inhalts, sind also recht belanglos. Der Kabinettsminister Christian August Graf Haugwitz ist mit zwei amtlichen Schreiben vom gleichen Datum, dem 12. September, vertreten. Die in dem einen ausgesprochene dringende Bitte um einen *) Vgl. den Brief Stadions an den österreichischen Gesandten in London, Grafen Starhemberg vom 16. April 1802 bei A. Thürheim, Ludwig Fürst Starhemberg, Graz 1889, S. 7. 2) Vgl. A. v. Arneth, Johann Freiherr v. Wessenberg, Wien u. Leipzig 1898, I, S. 50 f. 3) In dem zitierten Brief an Starhemberg (vgl. oben Anm. 1): „Binder . . . dont on dit grand bien dans le bureau“. 4) Tagebücher, hgg. v. L. Assing, I, 77 f., Journal politique des Jahres 1809. 5) Stadion verließ Berlin im Februar, Metternich traf am 23. November 1803 ein. Vgl. Srbik, Metternich, I, 106, Anm. 1, 708. 6) H. H. u. St. A., Berliner Gesandtschaftsakten, Faszikel 36 a, 37, 38, 39. 7) An dieser Stelle danke ich Herrn Major Bruno Frhrn. Binder v. Kriegeistein für sein großzügiges Entgegenkommen, das mir die Benützung des Nachlasses Franz Binder in Wien ermöglichte, Herrn Carl v. Peez, welcher mich auf das Material aufmerksam machte und meinem Freunde Friedrich Heer, der zwischen uns die ^ erbindung herstellte. — Die Bezeichnung „Nachlaß Binder“ bezieht sich in den folgenden Ausführungen stets auf dieses Material.