Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 46. Erich Zöllner (Wien): Aus unbekannten Diplomatenbriefen an den Freiherrn Franz Binder von Kriegeistein
748 Zöllner, Blankopaß für einen Eilboten nach Wien, gewiß in Zusammenhang mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten mit Napoleon, kontrastiert einigermaßen zu dem fünften und letzten Diplomatenschreiben unserer Sammlung aus dem gleichen Jahr, der höflichen aber bestimmten Ablehnung eines von Binder Talleyrand zur Verfügung gestellten österreichischen Kuriers durch den Sekretär des französischen Staatsmannes. Binder war nämlich nach der Flucht des preußischen Hofes aus Berlin Friedrich Wilhelm nicht nach Königsberg gefolgt, sondern in der Hauptstadt geblieben1); Stadion beließ ihn zunächst dort, doch wurde am 19. April 1808 die Instruktion für einen neuen Gesandten Carl von Hruby ausgestellt und Binder, der in Berlin nichts mehr zu tun hatte, für eine neue, höchst wichtige Mission in Anspruch genommen. Er reiste noch im April über Königsberg und Riga nach St. Petersburg, wo er an Stelle des dem Kaiser Alexander nicht genehmen Grafen Merveldt die Leitung der Botschaft als Geschäftsträger übernehmen sollte. Im folgenden Jahre hatte er als diplomatischer Berater den Fürsten Karl von Schwarzenberg, seit Jänner 1809 Botschafter in Petersburg, zu unterstützen, dem die Aufgabe zugedacht war, in der bevorstehenden Auseinandersetzung mit Frankreich, Rußland für Österreich zu gewinnen. Binder erwarb sich Schwarzenbergs vollstes Vertrauen 2) -— beider Tätigkeit blieb indessen vergeblich. Wiewohl die öffentliche Meinung Österreich günstig war, entschloß sich Alexander zum Bündnis mit Napoleon3). Die österreichischen Diplomaten verließen Petersburg. Während des Aufenthalts in der russischen Hauptstadt fand Binder sehr rasch gesellschaftlichen Anschluß an die Kreise der Frankreich feindlichen russischen Aristokratie, wie der Familien Dolgoruki, Stroganoff, Orlow, sowie im diplomatischen Korps. Namentlich der Vertreter des von den Franzosen besetzten bourbonischen Königreiches beider Sizilien, Antonino Maresca, duca di Serracapriola, der „alte Neapolitaner“, gehörte zu seinem engsten Bekanntenkreis. Dieser unentwegte Bannerträger der Ansprüche aller europäischen Bourbonen befand sich schon seit 1782 als bevollmächtigter Minister in Petersburg. Mit dem Zarenhof, für den er sogar diplomatische Aufträge erledigt hatte, und der hochadeligen Gesellschaft Petersburgs stand er in engsten Beziehungen, seit 1788 war er in zweiter Ehe mit einer Russin, Anna Wjasemskaja, vermählt. Dem Sohn Nicola aus dieser Verbindung sollte noch eine große Laufbahn als Staatsmann beschieden sein, bis das Risorgimento 1860 dem süditalienischen Bourbonenreich — diesmal für immer — ein Ende bereitete4). Sechs Briefe, die der ältere Serracapriola innerhalb eines Jahres nach Binders Rückkehr nach Österreich an diesen sandte, geben uns einen guten Einblick in die Gedankengänge eines Konservativismus, der den Binders in der Unbedingtheit der Ablehnung aller Ideengänge und Staatsformen revolutionären Ursprunges noch übertraf, übertreffen mußte, denn die Sache der Bourbonen duldete kein Kompromiß. So empfindet Serracapriola Österreichs Kampf von 1809 durchaus als seine Herzenssache und in diesem Sinne schreibt er am 6. Juni an den sich dem Kriegsschauplatz nähernden Binder, nachdem er der Erwartung Ausdruck gegeben hat, durch ihn bessere Informationen als bisher zu erlangen: „J’éspére que vous avez trouvés l’union et le courage nécessaire pour combattre kennend commun; par les nouvelles que nous avons regies ici, j’ai lieu de voir, que ces deux grandes qualités existent“. Am 14. Juni schrieb Binder, der inzwischen über Riga, Wilna und Brest-Litowsk Kaminiec-Podolski erreicht hatte — die Routen seiner zahlreichen Reisen liegen in einer eigenhändigen Zusammena) Vgl. für das folgende H. Rößler, Österreichs Kampf um Deutschlands Befreiung, I, 264, 307, 310. 2) Schwarzenberg schrieb an seine Gemahlin ,,Le baron Binder, conseiller d’ambassade, est un hőmmé d’un mérite majeur, il m’est extrémement utile sous tous les rapports“. J. V. Novák, Briefe des Feldmarschalls Fürsten Schwarzenberg an seine Frau 1799—1816. 3) Über die Verhandlungen in Petersburg, vgl. Rößler, a. a. O., I, 311 f, 395 f. 4) Über die beiden Serracapriola vgl. Enciclopedia Italiana, XXXI, 456. — Eine kurze Charakteristik des älteren bei Hormayr, Lebensbilder aus den Befreiungskriegen, I, 23.