Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 42. Karl Eder (Graz): Bernhard Raupach (16821745). Ein Beitrag zur Historiographie der österreichischen Reformationsgeschichtc

Bernhard Raupach (1682—1745). 717 Bände abrang. Dabei nehmen Bd. 3 und Bd. 5 eine Sonderstellung ein. Mit dem Nieder­schlag der Kirchen visitation von 1580 konnte Raupach ein geschlossenes Aktennest aus­schreiben und die Presbyteriologia erwuchs aus einer mühevollen und umsichtigen Klein­arbeit, die alle einschlägigen Personalien sorgfältig sammelte. Ohne Zweifel verdankt er viele Einzelheiten verschiedenen evangelischen Fakultäten, besonders Tübingen, und einigen Kirchenministerien, vor allem Stuttgart. Der Gesamtcharakter seines Hauptwerkes läßt aus dieser Genesis heraus die Einheitlichkeit der Anlage vermissen. Stoff und Gedankengang entfalten sich nicht geradlinig, sondern in konzentrischen Kreisen. Dies erschwert nicht unbeträchtlich die Benützung des Werkes. Die Materien überschneiden sich, ergänzen sich teilweise und berichtigen frühere Darstellungen. Es bedarf daher einer genauen Aufstellung des Nebeneinanders der Urkunden und Akten. Erst bei solcher Handhabung tritt der Wert dieser bedeutenden Arbeit hervor. Sie stellt ohne Zweifel auf evangelischer Seite den hervor­ragendsten Beitrag zur österreichischen Reformationsgeschichte dar. 2. Die geschichtstheoretischen Anschauungen Raupachs halten im allgemeinen der Kritik stand, ja man darf sagen, daß sich in ihm der Historiker über den lutherischen Theo­logen, der er in der Bewertung der Ereignisse ist, in der Regel erhebt. Es gereicht dem Ver­fasser zu hohem Ruhme, daß er in einer Zeit, in der zwar die Konfessionskarte Europas im wesentlichen abgeschlossen war, die aber noch immer unter den Nachwirkungen eines leiden­schaftlichen, einhundertdreißigjährigen Konfessionskampfes stand, mit allem Eifer bemüht ist, beiden Parteien Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sein in christlichen Grundsätzen von Wahrheit und Gerechtigkeit verankerter Sinn befähigt ihn, dem Ideal der Geschichts­darstellung: Nachzeichnung der Wirklichkeit, nahezukommen. Bedenkt man noch, daß er ja keine allgemeine Geschichte seiner Zeit, sondern eben nur die Schicksale seiner lutherischen Kirche darstellen wollte, so ist die Behauptung nicht zu hoch gegriffen, daß über seiner Schilderung des gewaltigen Geistes- und politischen Kampfes das Fähnlein Gerechtigkeit flattert. Man hat den Eindruck, daß eine solche Darstellungsweise dem Autor manchmal auch nicht ganz leicht fiel, daß er sich manchen Satz abringen mußte. Dies gilt besonders in den Fällen, in denen er Einzelheiten bisheriger lutherischer Reformationsdarstellungen ver­bessert. Sein scharfer, in die Materie so eingearbeiteter Blick und sein kritischer Sinn mußten ihn gar manche Unzulänglichkeiten und Fehlhaltungen einseitiger Geschichtswerke erkennen lassen. Daß er nicht zurückscheute, seine eigenen Konfessionsanhänger des Irrtums zu be­zichtigen und ihre Irrtümer zu berichtigen, zeigt, daß er die ethischen Voraussetzungen des echten Historikers mitbrachte. Gerade dieses historische Ethos und das heiße Bemühen, auch dem Gegner Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, vor allem ihn zu verstehen, entgiftet die spannungsgesättigte Atmosphäre eines solchen Werkes, das ungewollt Herzensangelegen­heiten hüben und drüben berührt. Raupach will nicht verwunden oder alte Wunden auf­reißen, sondern sich und andern über eine geschichtstheologische Frage Rede und Antwort stehen. Dieses sein eigentliches Anliegen war es, das ihn zur Abfassung eines so umfang­reichen Werkes bewog und ihn zu seiner sonstigen Berufsarbeit die körperlichen und geistigen Mühen eines Gelehrtenlebens auf sich nehmen ließ. Wie jeder, der diesen Weg wagte, stand er einsam, vielfach unverstanden und hatte zum freiwilligen Verzicht auf Lebensfreude und Erholung mit Undank und Verkennung zu rechnen. Warnend mußte die Erfahrung seiner akademischen Jugendzeit ihm vor Augen stehen, da ihm das Quellenstudium der Kirchenväter den Vorwurf minderer Berufseignung zugezogen hatte. Tatsächlich hatte er ja schließlich mit der Stellung eines Diakons vorlieb zu nehmen. So darf man in diesem Historiker einen Vertreter jenes Typs vermuten, dem die entsagungsreiche, hingebungsvolle Lebensarbeit seiner Freizeit den Lohn in sich selbst trägt. Raupach illustrierte das tiefe Wort, daß ein jeder den Wert sich selber gibt. 3. Über den tiefsten Beweggrund, der Raupach schon als Hörer der Akademie zur Sammlung des Stoffes und zum Studium der Quellen trieb, hat er sich im „Evangelischen Österreich“ eindeutig ausgesprochen. Sein Hauptinteresse galt den untergegangenen

Next

/
Thumbnails
Contents