Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 42. Karl Eder (Graz): Bernhard Raupach (16821745). Ein Beitrag zur Historiographie der österreichischen Reformationsgeschichtc

718 Eder, lutherischen Kirchen. Sie waren bisher ein Stiefkind der Forschung. Man habe zwar die Be­mühungen der Gelehrten um die „längst ruinierten“ apostolischen Kirchen in Asien und deren gegenwärtige Zustände als etwas Nützliches angesehen, aber es habe sich fast niemand ge­funden, der der verlorenen lutherischen Kirchen gedacht oder über deren vormalige Zustände unterrichtet hätte. Die Reformierte Kirche hätte einiges, aber die lutherischen unterge­gangenen Kirchen seien ganz vernachlässigt. Die Schwierigkeiten seien bedeutend. An den Orten solcher untergegangener Kirchen fände sich nichts. Die Papisten lieferten für ihre Religion nicht vorteilhafte Dinge den Lutheranern nicht aus und auch die Protestanten selbst hielten mit solchen Schriften sehr an sich. Diese Überlegungen bewogen Raupach zu einem Versuch auf diesem Teilgebiete der Religionsgeschichte. Unter den verlorenen lutherischen Kirchen erschien ihm jederzeit die Kirche in den kaiserlichen Erblanden als sehr merkwürdig. Da unter diesen wegen der kaiserlichen Resi­denzstadt Wien das Erzherzogtum Österreich oben ansteht, und die Vorfälle in der Refor­mationshistorie eine Ausnahmsstelle einnehmen, drängte es ihn zur Erforschung gerade dieser Kirche. Ihrem Gedächtnis ist das „Evangelische Österreich“ gewidmet. Ihr Andenken soll erneuert werden zum Preis der unendlichen Barmherzigkeit Gottes, der das Licht seines Evangeliums nach der Verdunkelung unter dem Papsttum so helle leuchten ließ, zum Nach­ruhm dieser evangelischen Christen, zur heilsamen Gewissensrüge für die abtrünnigen und falschen Lutheraner und zur Aufmunterung aller evangelischen Christen, die in ihrem Be­kenntnis frei sind. Hinter dieser nicht rein historischen, sondern teilweise pastoraltheologisch gefärbten Motivation schimmert das geschichtstheologische Urmotiv durch: Wie konnte es Gott zulassen, daß das in Österreich leuchtende Licht des Evangeliums wieder erlosch ? So mündet schließlich der Gedankengang eines Raupach in das dunkle philosophische Problem des Übels ein. Es ist kein Zweifel, daß sich die letzte und feinste Wurzel seines Denkens in philosophisches Erdreich senkt. Da in dieser Frage Theologie und Geschichte einander be­gegneten, war die österreichische Reformationsgeschichte als Einzelfall Raupach sozusagen auf den Leib geschnitten. Der Theologe wurde Historiker und der Historiker Theologe. Wer um das stets zu hütende Feuer der Begeisterung und um die ständig notwendige Willens­impulse weiß, die eine unerläßliche Voraussetzung solcher Arbeiten bilden, kann sich die Quelle einer solchen Lebensleistung nur im letzten Geheimnis der eigenen Persönlichkeit, nie in einem äußeren Auftrag etwa einer Vorgesetzten Behörde vorstellen. Raupach hat Öster­reich nie aus eigener Anschauung kennengelernt. Das Erzherzogtum war auch nicht die eindrucksvollste Stätte der Glaubenskämpfe. Das klassische Land der politischen Gegen­reformation war vielmehr Böhmen, das dem Hamburger auch räumlich näher gelegen gewesen wäre. Wenn er nun gerade Österreich herausgreift, so deshalb, weil Wien die Residenz des Kaisers war, also aus der wenn gleich verblaßten, so doch noch immer weiterbestehenden Reichsideologie. Noch ruht des Reiches Schwerpunkt im Süden. Insoweit mag man das „Evangelische Österreich“ auch als Anerkennung der Großmachtstellung Österreichs be­zeichnen. Mit dieser Bejahung der Wesensdominante im politischen und kulturellen Groß- kraftfeld Mitteleuropa geht gut der Weitblick des an der See lebenden Weltbürgers zu­sammen. Denn als Gesamtleistung haben wir nicht einfach ein Werk der Länderkunde, sondern trotz der Einzelheiten ein aus großer Schau hervorgegangenes Opus vor uns. 4. Die Entstehung eines solchen Sammelwerkes setzt Zugang zu den Quellen und einen ganzen Stab von Mitarbeitern voraus. Es stellt der wissenschaftlichen Sauberkeit Raupachs das beste Zeugnis aus, daß er über seine Quellen und die benützte Literatur die Karten offen auf den Tisch legt. Einiges berichtet auch sein Biograph, besonders über die Förderer der Arbeit x). Schon in Damshagen verwendete er seine Nebenstunden auf die Suche nach den einschlägigen Urkunden und Akten, sowie auf einen starken Briefwechsel mit aus­wärtigen Gelehrten. So bekam er eine ziemliche Sammlung von Austriaca zusammen und J) G. Raupach, Leben und Schriften B. Raupachs, S. 18.

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