Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick

42 Largiadér, Herrschaft wie auch diejenige des Hauses Savoyen und verbündete sich 1584 definitiv mit Zürich und Bern. Nachdem es vorübergehend in der napoleonischen Zeit von Frankreich annektiert worden war, fand es 1814 mit einem etwas erweiterten Territorium den endgültigen Anschluß an die Schweiz. Sein Archiv enthält die Bestände der Klöster und des säkulari­sierten Bistums, ferner Notariatsregister seit dem Mittelalter. Die universelle Bedeutung der reformatorischen Bestände im Staatsarchiv Genf ist schon erwähnt worden 1). Eine zweite Gruppe mit ebenfalls ungebrochener archivalischer Tradition sind die Länderkantone Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug, Appenzell, ferner Graubünden und Wallis sowie als Gebilde von besonderer staatsrechtlicher Struktur der Kanton Neuenburg. In den Länderkantonen, in denen von altersher das bäuerliche Element die politischen und militärischen Führer stellte, sind die nicht sehr zahlreichen Bestände verhältnismäßig gut erhalten. So besitzt das Archiv zu Schwyz einen an diesen Ort gerichteten Freibrief Kaiser Friedrichs II. vom Jahre 1240 und als besondere Kostbarkeiten den Bund vom 1. August 1291 und den Bund zu Brunnen vom 9. Dezember 1315. Es sind besonders die beiden letztgenannten Stücke, die es rechtfertigen, die große Archivausstellung im 1936 vollendeten Archivgebäude zu Schwyz als Bundesbriefarchiv zu bezeichnen 2). Das Landesarchiv des Kantons Uri in Altdorf hat durch einen Brand von 1799 Verluste erlitten und besitzt nur noch einen kleinen Urkundenbestand. Ergänzend tritt ihm das Talarchiv Urseren in Andermatt zur Seite, mit Beständen seit dem 14. Jahrhundert. Die Lücken im Landesarchiv Glarus sind auffallend groß und nicht durch zufällige Verluste, wohl aber durch die mangelnde Kontrolle der in Privatbesitz gelangten amtlichen Dokumente zu erklären. Nur so konnte es zu der verhängnisvollen Entwicklung kommen, daß die Glarner Familie Tschudi umfangreiche Teile des Glarner Landesarchivs in ihren Händen behalten konnte und dieselben, nachdem die Obrigkeit des eigenen Kantons nicht Zugriff, nach Zürich verkaufte und auf diese Weise in die Glarner Bestände eine empfindliche Lücke riß. Eine teilweise Rückgabe der im Staatsarchiv Zürich seit 1767 liegenden Glarner Dokumente suchte im Jahre 1948 diesen Fehler der Vergangenheit auszugleichen. Die Glarner Entwicklung erhält ihre besondere Signatur dadurch, daß es wegen der konfessionellen Spaltung ein evangelisches und ein katholisches Archiv gab, zu denen sich allerdings ein gemeinsames Archiv gesellte. Erst 1837 sind alle drei Archive zu einem Bestände vereinigt worden 3). In Graubünden stand das Archivwesen lange Jahrhunderte unter dem Zeichen der Dezentralisation, indem die drei Bünde (Grauer Bund, Gotteshausbund und Zehngerichten­1) Les Archives de Génévé. Inventaire des documents contenus dans les portefeuilles historiques et les registres des conseils, publ. p. Francis Turrettini avec le concours de Ad. Ch. Grivel . . . Notice sur les Archives des Geneve par Théophile Heyer, directeur, Génévé 1877. — Louis Dufour-Vernes, Les Archives d’Etat de Génévé 1814—1896. In: Bulletin de la Société d’histoire et d’archéologie de Génévé, 2. Bd., Genf 1900, S. 19—41. — F. Raoul Campiche, Le traité de Turin du 3 juin 1754 et les Archives de Génévé. In: La Revue savoysienne, 55. Bd., Annecy 1914, S. 194—204. — La question de l’Evéchó (Memoire de la commission générale constituée le 11 mars 1916 en vue d’obtenir l’installation des Archives d’Etat et du vieux Génévé ä l’Evéché). Genf 1916. 2) Jos. Karl Benziger, Das schwyzerische Archiv. In: Mitteilungen des Historischen Vereins des Kantons Schwyz, 16. Bd., Schwyz 1906, S. 99—127. Mit Abbildungen der alten Archivgebäude. — Anton Castell, Die Bundesbriefe zu Schwyz. Volkstümliche Darstellung der wichtigsten Urkunden eidgenössischer Frühzeit. Einsiedeln 1936. — Derselbe, Les chartes fédérales de Schwyz. Les principales chartes de l’ancienne confederation exposées et traduites ä l’usage du public, Einsiedeln 1938. — Anton von Castelmur, Der alte Schweizerbund, Ursprung und Aufbau. Mit einem Beitrag über das neue Bundes­briefarchiv zu Schwyz von Paul Hilber. Erlenbach-Zürich 1937, S. 163: „Das Bauprogramm umschrieb den Zweck des Gebäudes folgendermaßen: Das projektierte Bundesbriefarchiv soll einerseits zur Ausstellung der Bundesbriefe und anderseits für die Unterbringung des kantonalen Archivs dienen.“ 3) Jakob Winteier, Das Landesarchiv Glarus, seine Geschichte, seine Einteilung und seine Organi­sation, Glarus 1942. — Über die Rückgabe der seit 1767 in Zürich liegenden „Glarner Abschiede“ nach Glarus vgl. Anton Largiadér, Neue Zürcher Zeitung, 6. Juli 1948, Nr. 1435.

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