Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
I. Archiv-Wissenschaften - 4. Anton Largiadér (Zürich): Schweizerisches Archivwesen. Ein Überblick
38 Largiadér, Auf einem Gebiet hat nun aber der Bund, der keine Kompetenzen im Archiv wesen besaß, mächtig in die Entwicklung eingegriffen, indem er umfangreiche Erschließungsarbeiten an die Hand nahm und selbst durchführte. Ein Unternehmen, das ursprünglich sowohl dem Bedürfnis der praktischen Verwaltung wie auch dem wissenschaftlichen Interesse entsprach, hat die Eidgenossenschaft schon unter dem Regime des Bundesvertrages begonnen. Die Anfänge dieser wissenschaftlichen Arbeiten gehen bis ins Jahr 1818 zurück. Damals ersuchte die Tagsatzung ,,die Kantone Zürich, Luzern, Solothurn, Aargau und Thurgau, aber auch alle anderen Kantone, wo Tagsatzungen der alten Eidgenossenschaft stattgefunden hatten, Repertorien der Abschiede zu erstellen und dieselben dem eidgenössischen Vorort abzuliefern“. Diese Aufforderung erging auch an ,,Gemeinden, Stiftungen, schweizerische Klöster, Freunde vaterländischer Geschichte, in deren Händen sich wichtige Urkunden befinden“. Ein rühmlicher Wetteifer der Kantone setzte ein und Zürich erstellte z. B. ein handschriftliches Register der Abschiede von 1424 bis 1798 in acht handschriftlichen Bänden, das es 1842 beendigte. Langsam war inzwischen der Gedanke der Drucklegung herangereift und 1839 war bereits ein Probeband erschienen. Er war bearbeitet von dem luzernischen Geschichtsschreiber Josef Eutych Kopp, umfaßte die Jahre 1291 bis 1421 und war in der Art der Regesten des Kaiserreiches von Johann Friedrich Böhmer angelegt. Der neue Bundesstaat nahm das Werk wieder auf und beschloß 1852 auf Initiative von Bundesrat Stefano Franscini die Fortführung des Werkes. Die Oberleitung hatte zunächst Gerold Meyer von Knonau, Staatsarchivar des Kantons Zürich, später der eidgenössische Bundesarchivar. Als Staatsunternehmen erschien innert 30 Jahren von 1856—1886 die „Amtliche Sammlung der älteren eidgenössischen Abschiede“ in acht Bänden, die ihrerseits wieder in 23 Teile zerfallen. Die Sammlung geht von 1250 bis 1798 und darf verglichen werden mit den Deutschen Reichstagsakten oder mit der Sammlung der Hanse-Rezesse. Den Grundstock dieses nationalen Quellen Werkes bilden die Protokolle oder „Abschiede“ der eidgenössischen Tagsatzung, d. h. jenes Gesandtenkongresses, der bis 1848 zur Bewältigung der staatlichen Aufgaben eingesetzt war. Darüber hinaus enthält die Amtliche Sammlung Material über die Verwaltung der gemeineidgenössischen Vogteien und über den Verkehr mit dem Auslande. Mit einem System von Repertorium-Bänden wurde ferner die Periode von 1803—1848 erschlossen (Repertorium der Abschiede der eidgenössischen Tagsatzungen 1803—1813, 2. Ausgabe, bearbeitet von Jak. Kaiser, Bern 1886. — Repertorium der Abschiede der eidgenössischen Tagsatzungen aus den Jahren 1814—1848, bearbeitet von Wilhelm Fetscherin, 2 Bände, Bern 1874—1876). Dann wurde noch die Lücke geschlossen, die zwischen 1798, wo die älteren Abschiede abschließen, und 1803, wo das Repertorium beginnt, klaffte. Dieser Aufgabe dient die „Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der helvetischen Republik (1798—1803) im Anschluß an die Sammlung der älteren eidgenössischen Abschiede“. Bis jetzt sind 13 Bände erschienen (Bern, Freiburg 1886—1947), bearbeitet von Johannes Strickler und Alfred Rufer. Unter Aufsicht des Bundesarchivs wurden seit dem 19. Jahrhundert Abschriften aus fremden Archiven, betreffend die Schweizer Geschichte, systematisch gesammelt. Diese umfangreiche Sammlung von Kopiaturen stammt aus den Archiven von Frankreich, von Italien, Spanien, England, Österreich und Holland x). Auf Veranlassung der Bundesbehörde wurde ferner ein Werk veröffentlicht, das den Bestand der Korrespondenz zwischen den französischen Gesandten in der Schweiz und der französischen Regierung der Forschung zugänglich machen sollte. So entstand das große Werk von Edouard Rott, „Histoire de la representation diplomatique de la France auprés des cantons suisses, de leurs alliés et de leurs confédérés“ (10 Bände, Bern 1900—1935). 1) Vgl. Leon Kern und Edgar Bonj our, Summarisches Verzeichnis der Abschriften aus ausländischen Archiven, die im Bundesarchiv aufbewahrt werden. In: Zeitschrift für schweizerische Geschichte, 15. Bd., Zürich 1935, S. 422—432.