Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 27. Albert Bruckner (Basel): Die „Jura Curie in Woffenheim“, ein unbekanntes Weistum des 13. Jahrhunderts
435 Die „Jura Curie in Woffenheim“ (13. Jh.). Von Albert Bruckner (Basel). Innerhalb der mediaevistischen Disziplinen gehört die Archivistik zu den nur erst in bescheidenem Maße gepflegten und entwickelten Gebieten. Abgesehen von tiefschürfenden Einzeluntersuchungen und weitausholenden Darstellungen zusammenfassender Art über das Archivwesen der Päpste und weltlicher Herrscher ist unser heutiges Wissen über mittelalterliche Archive immer noch ein höchst bedauerliches Stückwerk. Begreiflicherweise fehlt eine wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Übersicht der mittelalterlichen Archive, geschweige denn eine aus dem Vollen schöpfende Geschichte des abendländischen Archivwesens bis an die Schwelle der Neuzeit. Das hängt mit vielen, oft recht komplizierten Faktoren zusammen, nicht zuletzt mit der sehr mangelhaften Überlieferung früh- und hochmittelalterlicher Archivbestände selbst und der weiten Zerstreutheit des Wenigen, das wirklich aus jener Zeit vorhanden ist, anderseits mit der Überfülle, insbesondere an landesfürstlichen, kirchlichen und städtischen Archiven und deren zum Teil riesigen Beständen aus dem Spätmittelalter, über die der einzelne kaum einen Überblick gewinnen kann. Um so mehr sollten gerade von den einzelnen Archiv ver wait ungen nicht nur Bestandsaufnahmen, sondern in Fachzeitschriften oder anderen Organen in weit intensiverem Maße als bisher alle auf die Geschichte, Struktur, Organisation, Administration usw. ihrer Institute bezüglichen Angaben publiziert werden. Zu den kostbaren Raritäten mittelalterlichen Archivwesens zählen in ihrer Überlieferung geschlossene, gut erhaltene Adelsarchive. Trotz der hohen Bedeutung des Adels im Hoch- und noch im Spätmittelalter sind, abgesehen von jenen Familien, die Fürstenrang erhielten und somit ausgedehnte Verwaltungskörper zu schaffen in der Lage waren, nur sehr vereinzelte Archive dieser Gesellschaftsschicht trefflich überliefert auf uns gekommen. Der Mediaevist weiß nur zu gut, wie einseitig die archivalische Überlieferung für die Zeit zwischen 500 und 1300 gemeinhin ist. Bis tief ins 13. Jahrhundert hinein handelt es sich vorwiegend um klerikale Archive, die erhalten sind. Bis in die Neuzeit nehmen diese einen sehr breiten Raum ein. Neben dem umfassenden, weitaus größten mittelalterlichen Archiv, dem päpstlich-kurialen, sind es — natürlich immer mit Ausnahmen — die Archive der Bischöfe, der Domkapitel und Kollegiatstifte, der vielen Männer- und Frauenklöster, denen wir die wichtigsten Aufschlüsse danken. Natürlich ist vieles zerstreut, vieles untergegangen, endgültig verloren. Trotzdem lassen sich für das Frühmittelalter aus diesem zwar einseitig erhaltenen Stoff doch wichtige, allgemein gültige Aufschlüsse über das Archivwesen der Zeit gewinnen x). Erst das Spätmittelalter bietet dann die Fülle verschiedenster Archive. Neben den kirchlichen die der weltlichen Herrscher, der Landesfürsten, der Städte, der Stände. Aber auch jetzt ist die eine führende Schicht, der Adel, in seiner großen Masse, denkbar schlecht vertreten. x) Auf Grund des umfassenden Originalurkundenmaterials der Abtei St. Gallen aus dem 8. und 9. Jahrhundert habe ich früher versucht (Die Anfänge des St. Gallér Stiftsarchivs, in Festschrift Gustav Binz 1935, 119—131), Aufbau und Entwicklung eines alten Klosterarchivs und darüber hinaus des karolingischen Archivwesens zu fixieren, eine erste, vorläufige Studie zu einer seit Jahren vorbereiteten Geschichte des früh- und hochmittelalterlichen Archivwesens.