Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 27. Albert Bruckner (Basel): Die „Jura Curie in Woffenheim“, ein unbekanntes Weistum des 13. Jahrhunderts

436 Bruckner, So wäre es eine wichtige Aufgabe, gerade diesen Adelsarchiven einmal nachzugehen. Schon ein summarisches Verzeichnis, was an gewachsenen, geschlossen überlieferten derartigen Beständen erhalten ist, bedeutet einen sehr wichtigen Notbehelf. Leider hat man ja vielerorts geradezu ,,Adelsarchive“ konstruiert, indem man aus den verschiedensten Archivbeständen Stücke ausschied und zusammenstellte, die sich auf bestimmte Adelsfamilien beziehen. Ein Verfahren, wie es im 18. Jahrhundert etwa gehandhabt, aber leider bis ins 19., sogar bis ins 20. Jahrhundert nachgeahmt wurde. Daß wir es bei solchen Archiven natürlich nicht mit alten, organisch gewachsenen, geschlossenen Adels­archiven zu tun haben, selbst wenn einzelne Stücke daraus vielleicht einmal einem Adels­archiv angehört haben, ist selbstverständlich. Sieht man von derartigen Sammlungen ab, dann schrumpft das wenige, das wir an solchen echten Adelsarchiven haben, ganz gewaltig zusammen. Ein Beispiel etwa Basel. In der Abteilung ,,Adelsarchiv“ werden insgesamt über 100 Adelsarchive aufgeführt *). Bei eingehender Betrachtung erkennt man aber unschwer, daß die Bemerkung Rudolf Wackernagels im Basler Archiv-Repertorium, wonach das Adelsarchiv „vorwiegend Stücke aus den Familienarchiven adliger Geschlechter“ enthalte, sich allerdings höchstens auf einige ganz wenige bezieht, in der Hauptsache sogar nur auf das nachher ebenda gleich als Beispiel angeführte Hattstättische. Hingegen kennzeichnet die Situation vollkommen der Satz ebendort: „Außerdem wurden zahlreiche die Beziehungen der Stadt Basel zu den Adelsgeschlechtern und ihren Herrschaften betreffende Akten in das Adelsarchiv eingereiht“ * 2). Was hier mit aller Deutlichkeit gesagt ist, trifft auf den größten Teil des Inhalts dieses Sektors zu und gilt auch für viele andere derartige „Adelsarchive“. Die von einem historisch geschulten Archivar vorgenommene Schaffung von „Adelsarchiven“ ist sachlich allenfalls praktisch, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus aber unhaltbar. Man darf sich deshalb nicht durch derartige Abteilungen in einzelnen Archiven über den wahren Charakter solcher Bestände täuschen lassen. Das Adelsarchiv, das in Basel mit Recht diesen Namen verdient und das weit und breit eine Seltenheit darstellt, ist das Archiv der uralten elsässischen Familie der Herren von Hattstatt, das durch Vermächtnis des Ritters Claus von Hattstatt (gestorben 8. Oktober 1585) an Basel gefallen ist 3). Es vermittelt uns in der bunten Mannigfaltigkeit der erhaltenen Urkunden und Akten ein Bild von dem, was auch andere ritterbürtige Familien im Mittelalter an Archivalien besessen haben mögen. Im großen und ganzen ist dieser weitschichtige Bestand, mit manchen Einschränkungen natürlich, recht geschlossen auf uns gekommen. Im Vordergrund und stoffbeherrschend steht durchaus die Verwaltung der Hattstättischen Ländereien. Das meiste ist irgendwie danach ausgerichtet. In den über 570 Pergamenturkunden (seit 1269) treffen wir vornehmlich die Rechtstitel für die einzelnen Besitzungen, daneben allerdings auch Stücke, die wohl nur in einem ritterlichen Archive zu finden sind. Die Akten bieten die nötige Ergänzung. Auch sie zum allergrößten Teil wirtschaftlicher Natur, rechtlichen Inhalts, wie urbariale x) Beachte das Repertorium des Staatsarchives zu Basel, Basel 1904, bes. XXXIX f., 466—477. 2) Ebenda S. 468. 3) Das Archiv wird im Staatsarchiv Basel aufbewahrt, wo auch ein vorzügliches, verläßliches Reper­torium zum Hattstätter Archiv von Rudolf Wackernagel vorhanden ist. An einschlägigen Akten vgl. vor allem StA. Basel, Adelsarchiv, H 3 q, Handlung über Antritt der Erbschaft Hatstat 1585/86. Niklaus von Hattstatt war österreichischer Landsasse. Sein Verweser und Schaffner war Andreas Beck. Am 21. Oktober 1585 wurde auf Befehl der Stadt Basel im Beisein von Junker Diepold von Schauwen- burg zu Jungholz, Bernhard Brand, Obervogt zu Famsburg, Andreas Beck, Bürger zu Colmar, im Schloß Binningen bei Basel vom Stadtschreiber Dr. jur. Adam Heinric Petri das Testament eröffnet. Interessant der Hinweis, daß sie „die sigel und püttschier, die mehrgemelteter Jkr. Niclaus v. H. bei s. lebtagen zu ehren besiglungen gebraucht annutz und nichtig“ gemacht, „welche alsobald under äugen obgedachts stattschribers mit einem hammer .. . zerschmettert und zerschlagen“. Basel war bereit, mehreres von den vorderhand verwahrten Dokumenten, Urkunden usw. an die österreichische Verwaltung in Ensisheim auszuliefern. Vgl. die einzelnen Korrespondenzen und Inventarkonzepte ebenda. — Zu den Hattstatt verweise ich auf die Monographie von August Sc her len, Die Herren von Hattstatt und ihre Besitzungen, 1908.

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