Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt
390 Mikoletzky, groß, und wenn auch Heinrich II. 1021 Romuald zuruft: „O utinam anima mea in corpore tuo“1), so lehnt er damit unausgesprochen ab, die Seele des Heiligen zu besitzen. Er war kein Ekstatiker und kein Phantast; klaren Kopfes und nüchternen Verstandes mußte er vor allem darauf bedacht sein, den zerfallenden Staat2), den er übernommen hatte, wieder zusammenzuschmieden und durch Beschränkung seiner Wünsche auf das Nötigste die Kräfte zur Festigung dieses Nötigsten zu gewinnen. Er stand mit beiden Füßen auf der Erde: er war zunächst ein Bewahrer, ein Wieder hersteiler des alten Reichsbestandes, wie er sich selbst auf seinen Siegeln nennt.3) Der Pole war sein Erbfeind, der im Besitz von Pommern, Schlesien, Mähren nunmehr die Hand nach Böhmen, den beiden Lausitzen, dem Milzenerland, vielleicht auch nach Preußen und noch weiter nach Norden ausstreckte. Es ist nicht unmöglich, daß die Missionäre, die, von ihm begünstigt, in seinem Namen reisten4), ihm auch als nicht immer gutgläubiges Werkzeug dienten und mit der Christianisierung die Slawisierung Hand in Hand ging. Man denke in diesem Zusammenhang daran, daß die Heiden die Märtyrerleiche Adalberts für Boleslaw aufbewahren, von dem allein sie Belohnung erhoffen, wenn sie ihm ,,reverentissimum corpus et caput, desiderabilem thesaurum“ anbieten5). Heinrich weigert sich daher offensichtlich zu verstehen, was ein Deutscher und Verwandter von Boleslaw erwarten könnte6), und rät ihm, im Land zu bleiben. Nicht nur der Herzog wird einen ausgedehnten Späherdienst zu seiner Verfügung gehabt haben7) und wenn man erfährt, was Petrus Damiani als Ursache und Gründe für die Festnahme des Mönchs Antonius angibt8), wird man begreifen, daß die beiden Feinde einander ebenbürtig waren. Solange es ging, wird der König dem Querfurter zum Aufschub oder auch Aufgeben seiner Reise zugeredet haben: der zornige Hohn aber, mit dem er seinen endlichen Weggang 1004 begleitete, spricht ebenso wie die Botschaften, die er ihm — so durch den eigenen Bruder Brun — zukommen ließ, dafür, daß er ihn als gefährlich ansah und solange es eben möglich war, unter seinem Einfluß halten wollte. Daß der Mönch sich nicht binden ließ, ist dagegen ein Zeugnis für seine Geistesklarheit: auch er wußte, mit wem er es zu tun hatte. Die Proben von Heinrichs grenzenhafter Regierungweise waren so augenfällig von denen der grenzenlosen Universalitätpolitik seines Vorgängers verschieden, daß es eigentlich gar nicht der seinerseits auch unzweifelhaft großen Menschenkenntnis9) Bruns bedurft hätte, um bald darauf zu kommen, eine Unterstützung von Tendenzen, die die momentanen Erfordernisse überstiegen, konnte vorläufig von der deutschen Krone nicht erwartet werden. Der oben erwähnte, nie verwundene „obrigkeitliche“ Spott aber, mit dem, wie Brun noch fünf Jahre später voll Bitterkeit (man beachte das „heroas“) schreibt, „quod me et plura mea digna risui ad circumstantes heroas me absente irrisisti“10), trug sicher am meisten dazu bei, den Mönch, der mit seinem rustikalen *) Damiani Vita s. Romualdi c. 65 (Migne 144. 1003). 2) Vgl. Karl Hampe: Das Hochmittelalter. Berlin 1932, S. 46. Dagegen Rudolf Usinger: Zur Beurteilung Heinrichs II. (In: Historische Zeitschrift, Bd. 8. 1862. S. 376. 3) Wenn er auf das Siegel „renovatio regni Francorum“ wohl kaum absichtlos zurückgreift, wird Heinrich ohne Zweifel dieses regnum haben erneuern müssen. Vgl. auch Walter Rüsen: Der Weltherrschaftsgedanke und das deutsche Kaisertum im Mittelalter (von Otto dem Großen bis zu Heinrich VI.). Diss. Halle-Wittenberg 1913, S. 41. 4) Brun. Passio s. Adalbert! c. 25 (MG. SS. IV. 608). 5) Ebenda, c. 34 (612). 6) Vgl. Hirsch II., S. 39. 7) Voigt, S. 115. 8) Vita s. Romualdi c. 28, c. 29 (Migne 144. 980 f.). Antonius war wohl der Agent Boleslaws in Sachen der Erhebung Polens zum Königreich. Vgl. auch was Brun anführt: dum (rex) timetur, ne in damnum sui imperii illorum cursus foret (Passio c. 29 (MG. SS. XV/2. 735). Vgl. auch Heinrich Günter: Kaiser Heinrich II. und Bamberg. 9) Vgl. die Schilderung der Brüder Johannes und Benedikt in Brun. Passio c. 10, 13, 31 (MG. SS. XV/2. 726, 729 ff., 737f.). 10) Brief (Giesebrecht II., 703).