Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt
386 Mikoletzky, vorzog1), hatten ihn gelehrt, daß auch außerhalb des Reiches die Könige nicht nach dem Grundsatz der Auslese des Edelsten gewählt wurden, und allmählich wird aus dem Kritiker der praktische Politiker, aus dem Mann, der feststellt und brandmarkt, der Mann, der ändern will. Natürlich gehen derartige Wandlungen nicht ohne tiefe innere Stürme vor sich: der „filius negligentiae“, wie er sich einmal nennt2), voll Schwächen der Seele, der manchmal Benedikt, seinen „magister caelestem“ verachtete, „sicut semper peccatoribus invisus est aspectus sanctorum“, sagt an derselben Stelle von sich: „soluto freno post meam voluntatem velocius equo cucurri. Qui se decrevi interessé spiritualibus officiis, ut tamen non carerem secularibus commodis, sic ut ambigue servicio colerem Ihesu Christi amorem, ut tamen odio non haberem decipientem mundum“3), Zeugnisse einer tiefschürfenden Selbstzergliederung und zugleich einer des Zeitgeistes würdigen Selbsterniedrigung, fern von jeder phrasenhaften Anklagefreude, wie sie damals so häufig zur Schau getragen wurde. Er ist immer und überall durchaus sachlich4), er läßt nichts dem Zufall und alles der Gnade Gottes: „Ich wäre zum Grund gegangen und ginge jetzt zum Grund, nisi prohiberet, qui adhuc prohibet, clemens Deus et senior meus sanctissimus Petrus“5). Er nimmt das Los auf sich, das ihm bestimmt ist, aber er sucht es nicht, denn er weiß, das Märtyrertum zu suchen, ist ebenso eine Sünde, wie es in Überstürzung zu finden6). Und dennoch spürt man auf Schritt und Tritt das Erkämpfte und man weiß auch, daß er es war, mit dem errang, er, der sehr gut spürt, Benedikt war in seiner geraden Einfachheit etwas anderes als er, weshalb er ihn „dimidium animae meae“7) nennt. Anfänglich nur aufzeigend, dann schon tadelnd und schließlich gegenüberstellend, steht er vor seinem dritten Kaiser wie ein Vermittler, der dem Irrenden das nachahmenswerte Beispiel und den gerechten Weg weist. Wann Brun von Querfurt den Mann, der ihm in gewissem Sinn Schicksal geworden ist, zuerst begegnete, ist unbestimmt. Die Vorhebe für Polen, die sich schon in der Passio Adal- berti andeutet, wo er allerdings noch Gnesen mit Danzig verwechselt8), muß nicht beweisen, daß er Boleslaw bereits zur Zeit ihrer Entstehung gekannt hat, wenn er ihn freilich 995 in Magdeburg getroffen haben könnte9). Ebensowenig sagen die kleinen, allerorten eingestreuten Epitheta wie Boleslaw „Dei servorum matrem(!)“ oder Bolislaw „quod interpretatum ,maior gloriae4 sonat“10 *), ja nicht einmal die Bemerkung über Boleslaws Trauer beim Tod Ottos III.n) etwas Entscheidendes aus. Der Eindruck muß jedenfalls stark und tief gewesen sein: vor allem war es ein persönlicher, sagt er doch selbst von ihm: „certe diligo eum ut animam meam et plus quam vitam meam“ 12). In zweiter Linie aber beeinflußten ihn wohl auch die fast aufdringliche Förderung aller kirchlichen Unternehmungen durch den Herzog und die Ehren, die der unstreitig gewinnende und bewegliche Fürst, der Oheim Olafs von Schweden und b Vgl. Giesebrecht, Kaiserzeit II., S. 104. 2) Brun. Passio c. 3 (MG. SS. XV/2. 721). 3) Ebenda c. 11 (728). 4) Vgl. die Charakteristik der Brüder ebenda, c. 13 (729ff.). 6) Brief (Giesebrecht II., S. 702, ähnlich S. 704). ®) Brun. Passio c. 2, c. 13 (MG. SS. XV/2. 720, 731). Vgl. auch den Brief (Giesebrecht II., S. 703). Nach Reg. Ben. 3, 50, 64, 68 soll sich der Mönch nichts vornehmen, ebenso nach Joh. Cassiani Conl. (ed. Petschenig. Corp. script, eccl. lat. XVII.) XVII. 8: ob quam rem nihil oportet, abrupte monachum definire; 27: nihil oportet monachum definire, ne aut praeuaricator inueniatur aut pertinax. 7) Brun. Passio c. 3, vgl. aber c. 10 (MG. SS. XV/2. 720, 726). 8) Vgl. Brun. Passio s. Adalberti c. 24 (MG. SS. IV. 607 f.) und den gewundenen Erklärungversuch Voigts, S. 116. 9) Vgl. D. O. III.: 170. 10) Brun. Passio s. Adalberti c. 22 (MG. SS. IV. 607), Passio c. 6 (MG. SS. XV/2. 722). u) Ebenda, c. 8 (724). Über das ganze Verhältnis zu Boleslaw vgl. Voigt, Eine neuerdings wiederentdeckte mittelalterliche Lebensbeschreibung, S. 96. 12) Brief (Giesebrecht II., S. 704).