Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt
Zur Charakteristik Bruns von Querfurt. 383 Der „Herrin der Welt“1), Rom, scheint er schon näher verbunden, doch heißt er die aurea Roma, „quam hortum sancti Petri desiderantes peregrini appellant“2), auch einmal die gealterte3) und sogar die kranke Roma4). Er ist eben weder Menschen noch Institutionen gegenüber, mit denen er es zu tun hat, blind: er ist ein Besserer und, wo er taube Herzen und Ohren öffnen will, wird er zum Eiferer. Und es gibt gar viel, was ihm nicht zusagt und wo er eingreifen möchte. Weit entfernt, es wie der heilige Nilus oder Romuald zu halten, die nur gelegentlich und persönlich beteiligt, wie Nilus beim Sturz des Johannes Philagathos oder Romuald etwa vor Ottos III. letztem Zug nach Rom, aus moralischen Gründen und ohne jeden politischen Gesichtspunkt sich in weltliche Interessensphären mischen ist er außerstande, die „unseligen Zeiten“5) tatenlos zu beklagen: und der Fanatiker entdeckt in sich den Apostel. Er hat wahrlich Gelegenheit genug, „miseras terras animo benigno, in quibus hoc aevo magno grassatur iniquitas“ zu erkennen: es sind „aestuantis avaritiae in immensum crescentes errores“6) und die Früchte dieser Habsucht: Ungerechtigkeit und „lacrimabile bellum7)“. Selbst die heilige Kirche wird von ihnen gefährdet, die ihm wohl am reinsten in jener Gestalt erscheint, da Petrus als primus inter pares tatsächlich nur Apostel unter Aposteln war. Denn Brun war nicht umsonst ein Schüler Romualds, der den Hirtenstab des Klosters S. Apollinare in Classe vor dem Kaiser niedergelegt hatte, „ne forsitan se perderet, qui alium lucrari non potuit“, „qui propter inquietudinem secularium in illo monasterio nullum lucrum animarum facere meruit“8). Man war den Oberen in jeder Gestalt abhold in jenen Zellen und Voigt stellt sehr richtig fest: „Wir finden die Abneigung gegen die Stellung des Klosterabtes auch in den gleichzeitigen griechischen Mönchskreisen und bei den lothringischen Reformmönchen“9). Und führten sie schon allein rangmäßig eine Verbindung mit der so gehaßten und doch so verführerischen Welt herbei, um wieviel näher waren dieser die noch Höheren, die Landesherren, die unfrommen und unkeuschen Durchschnittsmenschen10), und vor allem der Höchste: der König und Kaiser. Gegen die Päpste wagt sich Brun, wie erwähnt, nicht direkt, wenngleich er auch kein positives Wort für sie findet: vielleicht hat sogar die streng konservative Gesinnung des im Gegensatz zu Dionysius Areopagita dem Großen „kleinen Heiligen“ Benedikt11), der ihn „iterum“ ermahnt, „ne sine licentia apostolica“ zu reisen12), die beiden Gefährten einander schließlich entfremdet. Aber an ihrer Stelle sind ihm die Herrscher für alles Böse verantwortlich, das auf dieser Erde gegen Gott und die Seinen gefehlt wird: noch werden sie namentlich angeführt und ihre Taten einzeln gewogen, doch wird das Absicht volle der Anprangerung bisheriger Ordnung an der ununterbrochenen Tadelhaftigkeit eines Geschlechtes mehr als deutlich. x) Brun. Passio c. 12 (MG. SS. XV/2. 728): mundi domina. 2) Ebenda, c. 11 (727): in aurea Roma. 3) Ebenda, c. 7 (722): inveteratae Romae mortuum decorem. *) Ebenda, c. 2 (718): egram Romam. 5) Brun. Passio s. Adalberti c. 31 (MG. SS. IV, 611): felix martyr infelicium Adalbertus nostrorum temporum. *) Ebenda, c. 32 (611 f.). Vgl. dazu auch c. 12 (600) über Merseburg. 7) Ebenda, c. 10 (598). 8) Vita s. Romuald c. 23 (Migne 144. 973) und Brun. Passio c. 2 (MG. SS. XV/2. 718). Vgl. auch über die Auffassung Adalberts von seiner Stellung und die Haltung von Volk und Geistlichkeit im allgemeinen. Brun. Passio s. Adalberti c. 11 (MG. SS. IV. 600). fl) Voigt, S. 231/A. 205. 10) Vgl. Brun. Passio s. Adalberti c. 1 (MG. SS. IV. 596): mediocris homo. n) Brun. Passio c. 13 (MG. SS. XV/2. 733). Diese Hochschätzung des Areopagiten spricht für eine gewisse Vertrautheit, doch lassen sich in Bruns Werken kaum Anklänge (vgl. Passio s. Adalberti c. 4 [MG. SS. IV. 597]: baptizatus .. . dum mente monachum . .. facit . . . spiritu sancto infusum und Dion. Jispi h/.v.L. lepapy. 6: Mönchsweihe ist Geistestaufe, auch c. 13, c. 27 [601, 609], Brun. Passio c. 2 [MG. SS. XV/2. 718] und Dion, rcspi Ixy.X. Upapy. 6), geschweige denn Beziehungen feststellen. Vgl. auch Passio s. Adalberti c. 9 (MG. SS. IV. 598). 12) Brun. Passio c. 5, auch c. 1 (MG. SS. XV/2. 722, 717).