Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

IV. Quellen und Quellenkunde - 23. Hanns Leo Mikoletzky (Wien): Zur Charakteristik Bruns von Querfurt

382 Mikoletzky, lieh ihnen trotz ihrer zeitweiligen Beunruhigung1) schon früh seine hilfreiche Hand, so am 4. April 1001, da er neben Romuald dem Königsgericht im Kloster S. Apollinare in Classe beiwohnte, das unter dem Vorsitz Ottos III. die Klöster S. Maria in Pomposa und S. Vitale der erzbischöflichen Kirche von Ravenna zusprach2). Was nicht einmal der Camaldulenser, der im Vergleich mit Brun eindeutig und auch einseitig wirkt, unbedingt abzulehnen ver­mochte : die Berührung mit der großen Welt seiner Zeit wird von dem Querfurter Grafen­sohn zwar immer irgendwie unwillig, aber trotzdem zwangvoll gesucht. Die Notwendigkeit der Unterstützung seiner Missionspläne bot hier den äußeren Anlaß und in der Verfolgung dieser Missionspläne liegt auch der Schlüssel für Bruns Dasein und Sosein verborgen. Denn er war letzten Endes der typische Bekehrer3), der unduldsam und zelotisch, heimlich der eigenen Fehler strengster Richter, das von ihm Gebilligte durchzusetzen strebt, auch wenn er sich dadurch Feinde macht, der alles, was er sich denkt, heraussagen muß und jeglichen Konzessionen abhold ist. Was er vom heiligen Romuald erzählt, daß er, der wahr­haftig ein Knecht Gottes war, das Merkwürdige in seiner Art hatte, „quod displicere homini­bus per studium querebat, tunc se magnum existimans et virtutem suam custodire se posse cogitans, cum salvo animo talem rem egit, unde infamiam, oppobria et detractiones hominum in se convertere posset“4), mutet wie eine unbeabsichtigte Selbstcharakteristik an. Seines Wertes voll bewußt5), egoistisch der eigenen Idee verschworen, lehnt es das Monomanische seiner Natur, das ihn zu den Anachoreten geführt hatte, sogar unter den durchsichtigsten Begründungen6) ab, seinem Freund sogleich nach Polen zu folgen, obwohl dieser im Grunde nur unter der Bedingung, daß Brun ihm nachkommen werde, überhaupt dorthin auf­gebrochen war7): er weigert sich einfach zu teilen. Es gab noch lange keinen Frieden mit Boleslaw und Heinrich II. wird, wenngleich fern, noch immer nicht von seiner Abreise ent­zückt gewesen sein, als er sich endlich hinbegibt, aber dafür ist Benedikt, der ihn erwartete, längst tot. Nicht frei von Eitelkeit8) und Ehrgeiz, möchte man Brun kaum einen Mann nennen, der gregorianischen Tendenzen zuneigte9), und als papalistisch bezeichnet werden kann10 *): im Gegenteil, sein Verhältnis zu den Päpsten, deren Persönlichkeit er in seinen Arbeiten kaum streift, muß ein recht erzwungenes und kühles gewesen sein. Von Gregor V. sagt er, daß er ,,ut erat satis bonus, quantum permisit vaga iuventus“ n), über dessen Nachfolger, besonders über Silvester II. schweigt er ganz, obwohl er von dem letzteren das Pallium empfing. Der außerordentliche Mann und „Zauberer“12), der obendrein selbst aus dem von Odo von Cluny reformierten Aurillac hervorgegangen war, scheint hier, wie oft in seinem wandlungreichen Leben, versagt zu haben. Es ist eine alte Tatsache, daß bedeutende Geister einander wohl verstehen, aber niemals lieben können. *) Brun. Passio c. 3 (MG. SS. XV/2. 720). 2) D. O. III.: 396. 3) Vgl. Voigt, S. 81. 4) Brun. Passio c. 2 (MG. SS. XV/2. 719). 6) Vgl. den Brief an Heinrich II.: er habe den Brief bei den Petschenegen vermittelt, ,,quam, ut illi dixerunt, nemo preter nos facere posset“ (bei Giesebrecht, Kaiserzeit, 5. Auflage, II., S. 703). «) Brun. Passio c. 10 (MG. SS. XV/2. 726). 7) Vgl. über die ganze Beziehung der Beiden bes. Passio c. 10: ,,quia nolui venire ad eos, qui me expectaverunt cum tanta tribulatione, tot dies, tot noctes“ und c. 11, nach dem Benedikt recht gut gewußt zu haben scheint, was er von seinem Freund zu halten hatte, denn er kennzeichnet Bruns Schuld, ,,qui cum prope essem et promissionibus debitum reddere possem — quod verum erat —, tunc temporis eum videre nolui“ (MG. SS. XV/2. 726, 728). 8) Brun. Passio c. 4 (MG. SS. XV/2. 721). ®) Vgl. Wilhelm v. Giesebrecht: Der erste deutsche Missionar in Preußen. Vortr. (in: Deutsche Reden. Leipzig 1871), S. 49 f. 10) Voigt, S. 61, 74. n) Brun. Passio s. Adalberti c. 18 (MG. SS. IV, 605). 12) Vgl. Benőn. Gesta Rom. eccl. II. 4 (MG. Lib. de lite II. 377) und Fedor Schneider: Rom und Romgedanke im Mittelalter. Die geistigen Grundlagen der Renaissance. München 1926, S. 158.

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