Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
III. Heraldik und Geneologie - 19. Petrus Ortmayr (Seitenstetten): Wie und wann kamen die sächsischen Grafen von Seeburg und Gleiß, die Ahnen des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg, nach Österreich?
322 Ortmayr, eine Tochter Wilhelms vom Camburg, also aus ottonischem Stamme, sei die Gemahlin Wich- manns gewesen x). Ihm stimmen zwar Größler * 2), Posse 3) und Simonsfeld zu, aber letzterer findet es mit Recht auffallend, wie der sächsische Annalist einen so argen Mißgriff machen konnte. Gisela und Bertha sind als Töchter des Otto von Schweinfurt (f 1057) und seiner Gemahlin Irmingard auch anderwärts bezeugt. In der vom Abte Hermann (1322—1336) verfaßten Reimchronik des Klosters Kastei in der Oberpfalz heißt zwar die letzte Tochter Ottos von Schweinfurt nicht wie beim sächsischen Annalisten Gisela, sondern Sophia. Der Irrtum liegt aber hier zweifellos auf Seite des Chronisten. Da auch eine Schwester „Percht“ in der Reimchronik und eine „Bertha comitissa“ in der lateinischen Chronik des Klosters Kastei genannt wird 4), so beweist dies, daß der Annalist mit den Familienverhältnissen im Schweinfurtischen Hause wohl vertraut ist. Aus diesem Grunde halte ich es für gewagt, seine Überlieferung völlig zu verlassen. Hat vielleicht der Annalist die Namen Gisla und Berta verwechselt ? Es wäre eine einfache Lösung, die aber schon deshalb nicht in Betracht kommt, weil Berta von Schweinfurt ihren Gatten Graf Friedrich von Kastl überlebte und nach Ausweis der Kastler Chronik 1110 als Nonne in Bamberg starb. Den beiden vollwertigen Zeugnissen über die Namen der Frauen werden wir am ehesten durch die Annahme gerecht, daß Graf Wichmann zweimal verheiratet war. Seine erste Gattin war die obenerwähnte Berta von Camburg, die Erzbischof Wichmann von Magdeburg seine geliebte Großmutter nennt. Sie war die Mutter seines Vaters Gero. Die zweite Gattin — auch der bekannte Münchener genealogische Forscher Dr. Hans Amtmann vertritt nach einer brieflichen Mitteilung in seinem noch unveröffentlichten Werke: „Herkunft und Genealogie des süddeutschen Fürstenadels im frühen Mittelalter“ diese Annahme von einer doppelten Vermählung des Grafen Wichmann — war nach dem Berichte des sächsischen Annalisten Gisla, die sich ein zweitesmal mit dem Grafen Arnold von Diessen verheiratete. Die Lebenszeit des Grafen Wichmann läßt sich nicht genau bestimmen. Größler weist ihn der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts zu, während sein Vater Christin vonQuerfurt in der ersten Hälfte des gleichen Jahrhunderts gelebt haben soll 5). Christin begründete mit Wichmann die Linie der Grafen von Seeburg, durch seinen zweiten Sohn Willehelm die Linie derer von (Ludesburg) 6). Urkundliche Nachrichten über ihn fehlen. Auch die Stammtafeln der Edelherren von Querfurt geben keinen hinreichenden Aufschluß, sondern weichen in der zeitlichen Einreihung Christins wesentlich voneinander ab 7). Die Unsicherheit erklärt sich letzterweise daraus, daß die aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammende „Stiftungsgeschichte der Kollegiatkirche in Burg Querfurt“ über ihn und seine Nachkommenschaft überhaupt nichts erwähnt 8). An der Zugehörigkeit Christins zum Geschlechte der Dynasten von Querfurt — er ist wohl der Sohn des Grafen Gebhart des I. von Querfurt (f 14. Juli 982) — besteht aber kein Zweifel und damit stellen sich auch die späteren Grafen von Seeburg und Gleiß als Zweig dieser sächsischen Familie dar. Ein Mitglied dieser Familie nun dürfen, ja müssen wir auch in dem von Otto III. mit drei Königshufen in Gluzengisazi x) A. Cohn, Wettin, Stud. a. a. O. S. 142. 2) Größler, Geschlechtskunde der Grafen von Seeburg, a. a. O. S. 110. 3) O. Posse, Die Markgrafen von Meißen, a. a. O. siehe Stammtafel. 4) Vgl. Fr. Stein, Das Ende des markgräflichen Hauses von Schweinfurt, in Forschungen zur Deutschen Geschichte XIV (1874), S. 382 ff. 5) Größler, Geschlechtskunde der Grafen von Seeburg, a. a. O. S. 107. 6) Lutisburg liegt, ungefähr acht Kilometer von Querfurt entfernt, an der oberen Querne. 7) Vgl. Größler, Geschlechtskunde der Grafen von Seeburg, a. a. O. S. 104, H. Holstein, Beiträge zur Genealogie der Dynasten vonQuerfurt, Zeitschrift des Harz-Vereins, IV 76—100, V 1—24, VII 131—137. Am Ende des VII. Bandes steht der von Holstein aufgestellte Stammbaum. Einen Entwurf eines Stammbaumes bringt H. G. Voigt, Brun von Querfurt, Mönch, Eremit, Erzbischof der Heiden und Märtyrer, Stuttgart 1907, S. 19; über die Beurteilung der älteren Stammtafel siehe S. 195, Anmerkung 73, und S. 198, Anmerkung 81. 8) Voigt, a. a. O. S. 197, Anmerkung 79.