Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
III. Heraldik und Geneologie - 19. Petrus Ortmayr (Seitenstetten): Wie und wann kamen die sächsischen Grafen von Seeburg und Gleiß, die Ahnen des Erzbischofs Wichmann von Magdeburg, nach Österreich?
316 Ortmayr, hat. Einen weiteren, bisher unbeachteten Beweis für diese Tatsache liefern auch die Ortsnamen in dieser Gegend. Oberhalb Gleiß breitet sich nämlich auf der Ybbsterrasse die Ortschaft „Windberg“ aus. Im Passauer Urbar vom Jahre 1324 scheint „Wintberg“ unter den Diensten auf (de bonis prope Gleussen [Nebenform Glaeuss] spectantibus ad castrum) J). Windberg gehört zur Rotte Baichberg. Die Ortschaft Baichberg, nach der die Rotte den Namen führt, liegt ebenfalls auf der Ybbsterrasse in nordöstlicher Richtung, durch einen Taleinschnitt von Windberg getrennt. Der alte Name für Baichberg ist nach den Passauer Urbaren des 13. und 14. Jahrhunderts „Paierberge“: Chunradus de Gleuzze habet hubam in Paierperge * 2). Wenn ferner in einer Urkunde des Bischofes Manegold von Passau vom 19. Juni 1210 über die Berichtigung der zwischen ihm und dem Stifte Seitenstetten strittigen Grenzen unter den Schiedsrichtern unmittelbar nach Otto, Sohn des Pilgrim de Gluze, ein Rudolf „de Peierberge 3)“ genannt wird, so ist höchst wahrscheinlich wieder unser Baichberg-Bayernberg gemeint. Die Wenden und Bayern sitzen wohl schon lange im Ybbstale und auf der Ybbsterrasse einander gegenüber. Die deutsche Bevölkerungsschichte ist dünn und an Zahl und Einfluß den Slawen nicht gewachsen. Deshalb wird die Siedlung von den Deutschen selbst nach dem slawischen Siedler benannt. Mit der Schenkung Ottos III. aber im Jahre 993 tritt ein völliger Umschwung ein. Jetzt erhält ein Sachse mit seinen Kolonisten das Siedlungs- und Rodungsgebiet des Gluzo. Daß der Sachse bayrische Siedler mitbringt, verrät der Name Paierperg (Peirberg), der wohl um diese Zeit aufkommt. Die Slawen verschwinden nicht, sondern sammeln sich und siedeln auf der gegenüberliegenden Höhe, die nach ihnen der Wendenberg (Windberg) genannt wird. So ergänzen die alten Ortsnamen wesentlich das Bild, das uns die Kaiserurkunde über den Vorgang bei der ottonischen Besiedlung entwirft. Sie bedeutet in dieser Gegend keine Neubesiedlung, auch keine vollständige Verdrängung oder Ausrottung der slawischen Siedler, sondern nur eine Verdichtung der deutschen Bevölkerung und damit auch eine Verstärkung ihres Einflusses auf das wirtschaftliche und kulturelle Leben. Es ist auffallend und zu beklagen, daß sich unsere Urkunde über den Empfänger der drei Königshuben in Gluzengisazi so ungenau ausspricht. Der bloße Name mit einem unbestimmten quidam, das ist alles, was wir erfahren. Und beim Namen Sachso selbst ist es nicht klar, ob er als Eigenname oder als Appellativ gebraucht wird. Obwohl nach dem Zeugnisse der Freisinger Traditionen 4) und nach Förstemann 5) der Name Sahso, Sachso, Saxo, Sasso oft als Eigenname erscheint, könnte man in diesem Falle dennoch an das Appellativ „einem Sachsen“ denken. In den Urkunden Ottos III. ist nämlich selbst bei eindeutigen Personennamen ein zusätzliches: nuncupato, nominato, vocitato, dicto, nomine sehr häufig gebraucht. Um so schwerer fällt es ins Gewicht, wenn ein solcher Zusatz dort mangelt, wo er zu klarer Unterscheidung notwendig wäre. Übrigens ob Eigenname oder Appellativ, der Sache nach bedeutet es keinen erheblichen Unterschied; immer trägt der Name Sachse eine Herkunftsbezeichnung in sich, das ist der aus Sachsen Zugewanderte. Der Verfasser des Artikels „Gleiß“ in der Topographie stellt unseren Sachso immerhin an die Spitze der Herrschaftsgeschichte von Gleiß. Es kann aber nicht befriedigen, daß er nicht den geringsten Versuch macht, ihn mit dem später dort ansässigen Grafengeschlecht von Seeburg und Gleiß in Beziehung zu bringen, zumal dieses aus Sachsen stammt. Die wichtigste Nachricht über diese Familie findet sich beim Annalista Saxo zum Jahre 1036 6). *) Maidhof, a. a. O. S. 575; vgl. auch S. 156 f. und 384. 2) Maidhof, a. a. O. S. 158 und Anmerkung 1407, S. 384, 575. 3) Seitenstettener Urkundenbuch Nr. 24, S. 33. 4) Als Zeugenname begegnet der Name Sahso bei Bitterauf, Traditionen, a. a. O.: Nr. 37, 169, 223, 507, 614, 645, 704, 708, 713, 715; vgl. außerdem Nr. 403: Saxoni, 523 b: Saxo. 634: Sassonem servum, Nr. 1608: nobilis vir Sahso (zwischen 1022 und 1039). 6) Förstemann, Altdeutsches Namenbuch I. (Personennamen, 2. umgearbeitete Auflage 1900), 1288. 6) MG. Script. 6, 679/80.