Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?
236 Pivec, ist äußerst kurz, das e öffnet seine Öse mit geradem Abstrich zum nächsten Buchstaben, das große G ist leicht als großes B zu lesen. Das große R sieht bis tief in das 17. Jahrhundert hinein wie ein V aus, r wie i ohne Punkt. Sehr lange hielt sich der Anstrichbogen des großen A, p gleicht einem y, h hat gelegentlich schon unsere kurrente Form, die Endsilben er und en sind meist verschliffen. Die Ligaturen pf, ft bleiben bis in das 17. Jahrhundert ähnlich. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wurde die Schlinge des runden s höher hinaufgezogen, die Anfangsschlinge des v stark überhöht, auch noch in der ersten Hälfte des 17., 1-und b-Schlinge werden im 17. Jahrhundert deutlicher, dadurch wird die Lesung wesentlich erleichtert, v und w kommen im 17. Jahrhundert schon in unserer kurrenten Form vor, nur mit übermäßiger Hochziehung des Anstriches. K und Kh haben im 16. und im 17. Jahrhundert eine charakteristische Form. Sp entwickelt sich im 17. Jahrhundert zu einer leicht kenntlichen Form, das r gleicht unserem r, besonders in der Kanzleischrift. Das a wird gleichfalls unserem a ähnlicher, t wird höher, j hat noch eine tiefe Schlinge wie im 16. Jahrhundert, th wird schon ganz deutlich, ist nicht mehr wie im Jahrhundert vorher leicht mit ch zu verwechseln. Das g verlängert sich, aber auch das kurze g kommt daneben noch vor, stärkere Schlingenbildung, die mit dem Gebrauche der Spitzfeder zusammenhängt, macht sich bemerkbar. Charakteristisch ist das scharfe ß (ss), das runde s wird deutlicher und erreicht langsam die uns bekannte Form, r ist wie unser r, auch kurzes, rundes s kommt noch vor. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts setzte sich das lange s durch, in der Ligatur sch bleibt noch halblanges s, die halblange z-Schlinge nähert sich unserem z. Die scharfe Cäsur ist in der Kursive jedenfalls um 1650 zu legen, ihre Entwicklung nimmt nun ein rascheres Tempo. Das 18. Jahrhundert hat langes s auch in der Ligatur sch, das alte, kurze runde s kommt allerdings noch vor. k, w, e, y, z haben die Formen unserer Zeit, auch das kurrente sch findet sich oft mit halblangem s. pf ist nach dem Vorbild der älteren Schrift noch verschnörkelt. Halblanges s in st kennt noch die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Schrift der Mitte des 18. Jahrhunderts ist der unseren schon ganz nahe. Das lange s, das geknickte h, hohes v am Anfang, auch das e wiederholen gelegentlich noch die älterenFormen. Die einzelnen Buchstaben werden durch mehr Schleifen und Striche verbunden als früher, um noch schnelleres Schreiben zu ermöglichen. Umlaute werden durch 2 Punkte gekennzeichnet. Hauptwörter haben nunmehr regelmäßig große Anfangsbuchstaben. Durch die Wirrsal des 16. und 17. Jahrhunderts läßt sich die Entwicklung dieses orthographischen Prinzips schön verfolgen. Individuelle Leseschwierigkeiten können natürlich durch so notorische Schlechtschreiber wie Leopold I., Prinz Eugen und zeitweise auch Karl VI., der aber auch schöne Humanistenkursive zu schreiben verstand, entstehen, ohne daß dadurch ein Datierungsmerkmal gegeben ist. Im Rahmen dieses Beitrages wurde vieles nur andeutungsweise gesagt, wichtige Probleme wie das der Rezeption der Humanistenkursive und der Umwandlung der europäischen Nationalschriften (außer der deutschen) nur gestreift. Worauf es ankam, war zu zeigen, daß die sogenannte Handschriftenkunde der Neuzeit durch Übertragung der Methoden der Paläographie des Mittelalters vom Range einer technischen Fertigkeit zu dem einer Wissenschaft zu erheben ist und auch als Universitätslehrfach nicht bloß als Lesenkönnen, sondern im breitesten kulturgeschichtlichen Rahmen zu betreiben ist. Klarerweise muß die neuzeitliche Paläographie wie jede geschichtliche Wissenschaft in der Philologie verankert werden, muß wie die Kunstgeschichte auch eine Erziehung des Auges vollführen. Dann wird sie allerdings aus einer Hilfswissenschaft zu einer Erkenntnisquelle ersten Ranges für die Kultur-, Geistes- und Sozialgeschichte. Die so abträgliche Antithese Paläographie des Mittelalters, Handschriftenkunde der Neuzeit wird es nicht mehr geben, wenn wir einmal eine Paläographie der Neuzeit haben werden.