Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)
II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?
Paläographie des Mittelalters — Handschriftenkunde der Neuzeit ? 235 Nach dem Dreißigjährigen Kriege wurde die Kanzleischrift feiner und bewegter. Übertriebene, unbeherrschte Schwünge der Versalien überragen oft noch die Oberlängen der Kleinbuchstaben, die Ober- und Unterlängen wachsen. Nach französischem Muster war die Kanzleischrift meist rechts geneigt (geschoben oder hangend). Im 17. Jahrhundert haben die Großbuchstaben übermäßig weitangesetzte Anschwünge, weite Rückschwünge, manierierte Formen des D und V. Das H hat eine kurze, auf der Linie endende Form. Der Duktus wird bei h und z unterbrochen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wird die Kanzleischrift wieder steiler, dicke runde Punkte werden als Abschluß feiner Einrollungen gesetzt. Die ersten Anfänge einer Formenlehre für die deutschen Kursivschriften *) der Neuzeit sind bereits bei Delitsch und Kirchner gegeben. Die deutsche Kursive des 16. und 17. Jahrhunderts ist im allgemeinen der Schrecken junger Historiker. Eine Formenlehre und Kenntnis der Schrift des 15. Jahrhunderts, vor allem der Kürzungsmethoden, erleichtert die Lesbarkeit dieser gefürchteten Schriften. Wie in der mittelalterlichen Paläographie arbeiten wir am besten auch in der neuzeitlichen bei Datierungen mit den allgemeinen Merkmalen des Schriftbildes und den besonderen Einzelmerkmalen, den Buchstaben. Es klingt banal, vorzuschlagen, bei der Datierung von neuzeitlichen Handschriften vom gegenwärtigen Schriftbilde auszugehen. Schriften des 16. Jahrhunderts sind natürlich von dem uns vertrauten Schriftbilde am weitesten entfernt. Anderseits sind noch mehr mittelalterliche Elemente im 16. Jahrhundert erhalten als später. Es hören manche Kürzungen auf, wie die con-contra Kürzung Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Kürzung für ver durch v mit schrägdurchzogenem Strich kommt sehr häufig zwischen 1550 und 1650 vor. Auch die allmähliche Scheidung von u und v seit dem Ende des 16. Jahrhunderts gibt einen Hinweis auf die Entstehungszeit. Im 16. Jahrhundert ist diese Scheidung noch nicht konsequent durchgeführt, erst in der ersten Hälfte des 17. Besonderes Augenmerk ist auch auf die Schlingenbildung zu legen. Diese wird im 17. Jahrhundert stärker als im 16., die Behandlung der Ober- und Unterlängen ist gleichfalls in den einzelnen Perioden von etwa 50 Jahren verschieden. Die Leichtigkeit der Lesbarkeit vermag ein — allerdings nicht exaktes — Datierungsmerkmal abzugeben. Kanzleischriften sind an sich leichter zu lesen, weil sie sorgfältiger geschrieben waren, aber die des 17. Jahrhunderts sind doch noch wesentlich leichter als die des 16. Das Gleiche gilt für die Kursive. Auch philologische Merkmale müssen genau so wie bei mittelalterlichen Handschriften herangezogen werden. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts werden lateinische und fremdsprachige Wörter, auch Lehnwörter, konsequent in Humanistenkursive geschrieben, seit dem späten 16. Jahrhundert nimmt die Zahl der fremdsprachigen Wörter ständig zu und erreicht im Verlaufe des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Bekannt ist ja als extremer Fall das sprachliche Kauderwelsch Kaiser Leopolds I. Die Orthographie ist für die Datierung gleichfalls entscheidend. Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts werden immer mehr Hauptwörter groß geschrieben, im 16. und 17. Jahrhundert wird meist tz für z gesetzt. Wichtig ist auch die Verfolgung der Umformung einzelner Buchstaben seit dem 16. Jahrhundert. In diesem hat das z einen Vorstrich, der bis über die Zeile geführt wird, es gibt das lange, halblange und runde s und die st-Ligaturen. Besonders charakteristisch ist das halblange s bis in das 17. Jahrhundert hinein mit den sp- und st-Ligaturen. Besonders auffallend ist im 16. Jahrhundert die außerordentliche Kürze des t, das einem i ohne Punkt gleicht und zunächst das Lesen sehr erschwert, ferner das kurze g, das seit der Jahrhundertmitte des 16. bis in das frühe 17. Jahrhundert fast ausschließlich gebraucht wird. Dem 1 fehlt die Schlinge, so daß man versucht ist, t zu lesen. Das runde s am Ende des Wortes l) Unterrichtsbehelfe Taf. 2 (1525), 3 (1528), 4 (1551), 5 (1598), 7 (1621), 9 (1632), 10 (1632), 12 (1661), 13 (1689), 15 (1711), 16 (1735), 17 (1742), 18 (1744), 19 (1757).