Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

Paläographie des Mittelalters — Handschriftenkunde der Neuzeit ? 233 in Gebrauch. Die gotische Kursive stand im ausgehenden Mittelalter wohl unter dem Vorbild der burgundischen Kanzleischriften stark unter französischem Einfluß. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts herrschte eine große Mannigfaltigkeit in den Schreibarten. Neben der einheimischen französisch orientierten Kursive wurde vor allem in den östlichen Pro­vinzen die deutsche Kursive gebraucht. Aber die neue, dem Kursivdruck nachgebildete französische Kursive der Civilté fand Verbreitung, und schließlich wurde auch die lateinische oder Humanistenkursive geschrieben, die zuerst für Erasmus-Ausgaben Verwendung gefunden hatte (1523). Diese Schrift wurde natürlich von den Anhängern des Humanismus für lateinische Texte bevorzugt. Allmählich dominierte dann die Humanistenkursive, die zuerst, wie überall, für lateinische Texte reserviert gewesen war. Durch das Beispiel des sehr beliebten lateinischen Kursivdruckes und infolge der bewußten Nachahmung der italienischen Humanistenkursive durch die holländischen Dichter, u. a. Huygens, siegte die Humanisten­kursive endgültig nach 1650 und verdrängte völlig die alte gotische Kursive x). Die Schriftentwicklung steht in Holland im Zeichen der Loslösung der Niederlande im späten 16. Jahrhundert aus dem deutschen Kulturverbande, nachdem die politische schon im alten Burgund vor sich gegangen war und gleichzeitig stärkere französische Ein­flüsse gebracht hatte. In der Schrift ebenso wie in seinen Kultur- und Lebensformen ist damals Holland in den westlichen Kulturkreis stärker hineingewachsen als in den der Mitte Europas. In den Schreibmeisterbüchern gelangten Holland und Belgien zu starken, auch eigen­ständigen Leistungen. Perret (Brüssel 1569) steht noch stark unter italienischem Einflüsse (Palatino), wie auch die vlämische Malerei der Renaissance stark der italienischen verpflichtet blieb. Houthusius (Antwerpen 1591) erlag der französischen Verzauberung, Boissens (Amster­dam 1594) der italienischen (Cresci) und spanischen (Retondilla). Den stärksten Einfluß auf die zeitgenössischen Schreibmeister des mittleren und nörd­lichen Europa hat der schöpferische holländische Schriftkünstler van den Velde gehabt, der bis 1621 mehrere Schreibbücher in Rotterdam und Haarlem veröffentlichte. Das älteste von diesen aus dem Jahre 1605: Spieghel der Schrijfkonste (Rotterdam) ist viel nachgeahmt worden. Van den Velde, der übrigens bereits zum Gebrauche der Spitzfeder überging, erfand schöne Formen für Großbuchstaben und Schwünge, für die er das Vorbild zum guten Teil in französischen Schriften entdeckte. Die Schriftbücher der folgenden Zeit: das der Leiterin einer „französischen Schule“ bei Delft, Maria Brick (1607), David Oelands (Vlissingen 1616), Charpentier (Haarlem 1620), Jean de la Chambre (Haarlem 1638 und 1649), Ambrosius Perlingh (Amsterdam 1679) standen noch intensiver unter dem Eindrücke französischer Vorbilder als van den Velde. Spanien hatte seine gotische Kursivschrift schon in der ersten Hälfte des 16. Jahr­hunderts an Hand der humanistischen Kursive umgeformt. Diese Schrift wurde wegen ihrer runden Formen als Retondilla bezeichnet, die fortlaufend in einem Zuge geschriebene Retondilla als „Tirada“. Die Retondilla ähnelt in Italien gebräuchlichen Kaufmannsschriften, wie sie Palatino nennt. Die Humanistenkursive nannten die Spanier und Portugiesen bald Bastarda und entzogen damit diesen Namen der älteren gotischen Schrift des späten Mittelalters. Bastarda und Retondilla bestanden bis in das 18. Jahrhundert. Das eigentümliche spanische Schriftbild erklärt sich auch aus dem Gebrauch der traditionellen breiten Feder. Die spanische Retondilla wurde in den Niederlanden und in England aufgenommen, in Frankreich gewann sie keine dauernde selbständige Geltung. Bei der Spanienfeindlichkeit Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert fehlten dafür die Voraussetzungen. Aber trotzdem hat die Retondilla auch auf die französische gotische Kursivschrift eingewirkt, die dadurch weicher wurde. M Vgl. A. Hulshof in der Einleitung zu seinem Tafelwerke: Deutsche und lateinische Schrift in den Niederlanden.

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