Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

230 Pivec, nicht die tiefe Wirkung gehabt, wie in dem der westeuropäischen Nationen. Die Klärung und Relatinisierung des Denkens Frankreichs und Italiens, auch Spaniens, hat die Deutschen nicht erfaßt, eine tiefe Kluft zwischen ihnen und den anderen Völkern Westeuropas geschaffen. Für die starke Aufgeschlossenheit Österreichs gegen den Süden und die Romanitas spricht die Tatsache der starken Anlehnung an die italienische Humanistenschrift mit ihren schönen geschwungenen Formen in den Kanzleien der Habsburger. Dort gab es auch zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Art Mischschrift aus gotischer Kursive und italienischer Humanisten­kursive, war doch im 15. Jahrhundert die Humanistenschrift eingedrungen. In den Alpenländern Schweiz und Österreich, dann auch in Deutschland, ist die Huma­nistenkursive durch direkte Einwirkung italienischer Schreiber und Schreibbücher und vor allem durch den 1549 in Zürich erschienenen valde elegans libellus multa varia scribendarum litterarum genera complectens des Urban Wyss weiter verbreitet worden. In den deutschen Schreibbüchern des 16. Jahrhunderts prävalieren durchaus die deutsch-gotischen Schrift­formen, Humanistenschriften sind nur wenig und in nicht schöner Form vertreten. Ästhetisch befriedigende Bildungen der Humanistenschrift entstehen erst in den deutschen Schreib- büchern des 17. Jahrhunderts in Anlehnung an französische und holländische Vorbilder. Die Humanistenkursive heißt nunmehr „lateinische Kursive“, im späten 18. und im 19. Jahr­hundert begegnet auch der Ausdruck englische Kurrentschrift mit Bezug auf englischen Einfluß. Die Bezeichnung „lateinische Kursive“ hat eine über mehr als 100 Jahre zurück­reichende Geschichte. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts hatte man sich angewöhnt lateinische Sprachprodukte in Humanistenkursive zu schreiben, schließlich alle fremd­sprachigen. Deutsche Texte wurden in der aus der gotischen Buchschrift abgeleiteten Fraktur bzw. in der aus der gotischen Kursive kommenden Kurrentschrift wiedergegeben. Ebenso wie nach Deutschland ist auch nach Frankreich die Humanistenschrift in ihren beiden Formen eingedrungen, bevor noch die in Paris und Lyon seit 1516 erscheinenden ältesten kleinen Schreibmeisterbücher nach italienischem Muster von ihr Notiz nahmen. Diese Schriftbücher haben Arten der Humanistenkursive als lettre ronde et commune und eine Abart als lettre plaisante weiter bekanntgemacht 1). Aber zu Beginn des 16. Jahrhunderts war die in Frankreich herrschende Schrift die gotische Bastardschrift2), welche der Schreibmeister Neff in seinem 1549 in Köln erschie­nenen Holzschnittbuch als Escipture Fran9oyse und vieulle Romaine oder Fran9oyse cou­rante bezeichnete. In dieser auch zur Kanzleischrift ausgebildeten gotischen Kursive haben viele Buchstaben mehrere Formen. In diesem Punkte ist die Schrift eine echt mittel­alterliche, noch nicht so streng normierte Schrift wie die Humanistenkursive. Die Oberlängen von d, h, 1 wurden mit und ohne Schlinge gebildet, die Unterlängen lang und spitz. Die Öse des e war nicht geschlossen, sondern nur durch ein Häkchen gezeichnet und ist dadurch schwer vom c zu unterscheiden. Eine scharfe Trennung und Charakterisierung der Buch­staben war hingegen kennzeichnend für die leichtere Lesbarkeit der Humanistenschrift. Das h hatte die auch in der deutschen Kursive bekannte Form mit tief herunterhängendem zweitem Bogen, war geknickt. Für das r gab es verschiedene Formen: eine dem deutschen Kurrent-r ähnliche oder eine v-förmige. Außerdem wurde die umgekehrte Form des früheren runden r verwendet. Rundes s kam nur am Wortende vor, das lange s in der Mitte des Wortes erfuhr eine starke Verdickung in der Mitte. Durch den großen Anfangsstrich glich das v einem b. Die großen Anfangsstriche des v sind übrigens auch in der deutschen Kursive des 16. Jahrhunderts anzutreffen. Wie in der deutschen Schrift wurde v am Wortanfange für v und u gesetzt, in der Mitte des Wortes u für u und v, y hat einen Haken statt des älteren Punktes oder Striches. 1) Vgl. auch Delitsch, a. a. O. S. 220. *) Proben bei Steffens 2, Taf. 119, Briefe aus den Jahren 1502 und 1576, Taf. 123 mit Beispielen der französischen Kursive und Humanistenkursive.

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