Leo Santifaller: Ergänzungsband 2/1. Festschrift zur Feier des 200 jährigen Bestandes des HHStA 2 Bände (1949)

II. Paläographie und Diplomatik - 13. Karl Pivec (Wien): Paläographie des Mittelalters Handschriftenkunde der Neuzeit?

Paläographie des Mittelalters — Handschriftenkunde der Neuzeit ? 227 Europa in Sprach- und Schriftprovinzen eingeteilt werden könne. Damit führen die histo­rischen Hilfswissenschaften aber direkt in die Kulturgeschichte hinein. Der allgemeinhistorische oder kulturgeschichtliche Aspekt ist nicht der unwesentlichste für die Paläographie des Mittelalters und die Handschriftenkunde der Neuzeit. Aus der Verbreitung der irischen Schreibgewohnheiten schließen wir auf die Nieder­lassungen der iroschottischen Mönche, das Vorkommen der süditalienischen (montecassi- nesischen) Schrift in Dalmatien und Kroatien weist uns auf die Ausdehnung der Kultur Süditaliens, die Nationalschriften des frühen Mittelalters sind die beste Illustration zur sogenannten Kontinuitätstheorie und wie wir sie aufzufassen haben. Einen kulturgeschichtlichen Aspekt braucht auch die neuzeitliche Schriftkunde, um gewisse Phänomene, wie allein das der Auseinandersetzung mit der Humanistenschrift, bzw. ihre Aufnahme und Verbreitung zu verstehen und allgemeingeschichtliche Erkenntnisse abzuleiten. Allerdings steht die neuzeitliche Schriftentwicklung nicht unter den gleichen Voraus­setzungen wie die mittelalterliche. Man kann ihr nur mit Berücksichtigung der anders gearteten soziologischen Grundlagen gerecht werden. Der Begriff der Schriftprovinz ist nicht so einfach wie im Mittelalter zu übernehmen, er ist durch die größeren Möglichkeiten der Wanderungen, den abweichenden Charakter der Bildungsstätten, andere gesellschaftliche Zusammensetzung der Schreibenden und der Schriftkundigen gegenüber dem Hochmittel­alter beträchtlich einzuengen. Auch der rein stammesmäßige oder regionale Gesichts­punkt ist einzuschränken, nur sehr bedingt gültig. Seit dem späten Mittelalter haben dazu die Universitäten uniformierend und ausgleichend gewirkt. Vor allem sind aber in der Neuzeit die soziologischen und materiellen Bedingungen für die Schriftentwicklung anders geworden. Genau so wie die Veränderungen im inner­staatlichen Leben seit dem 12. und 13. Jahrhundert mit der stärkeren Bevölkerungszahl und der Teilnahme breiterer Schichten am Staate Zusammenhängen, hat sich die gleich­zeitige Verbreiterung der kulturellen Schicht um das bürgerliche oder allgemeiner gesagt das Laienelement auch auf die Zahl der Schriftkundigen ausgewirkt. Diese ist seit dem 13. Jahrhundert ständig im Wachsen. Die Kunst des Schreibens wird nicht mehr von wenigen geistlichen Zentren aus vermittelt, sondern von einer steigenden Menge von städtischen und klösterlichen Schulen, seit dem 15. Jahrhundert auch immer mehr von Privatunterricht erteilenden Berufsschreibern *). Die mit der sich wandelnden und komplettierenden Struktur der Gesellschaft verbundene größere Ausdehnung und Verbreitung des Schreibenkönnens ist für viele Erscheinungen des wilden Individualismus der Schreibenden, aber auch für die zunehmende Willkür und Verwilderung der Schreibgewohnheiten als Erklärung heran­zuziehen. Außerdem hat im Zeitalter der Reformation und des Absolutismus das staatliche Schulwesen einen gewaltigen Aufschwung genommen und die Kenntnis der Schrift weiteren Kreisen vermittelt. Gleich der Gesellschaft verliert auch die Schrift im ausgehenden Mittel- alter und in der frühen Neuzeit ihren ausschließlichen, aristokratischen Charakter und wird aus einem Vorrecht weniger zu einem Allgemeingut vieler. Im endenden Mittelalter und den ersten beiden Jahrhunderten der Neuzeit ist das Personal der landesfürstlichen und städtischen Kanzleien infolge der Intensivierung der Verwaltung mit dem Anwachsen der Akten im Zeitalter der neuen, modernen Staatlichkeit ein wesentlicher Träger der Schriftentwicklung der Kursive oder Kurrentschrift ebenso wie der Humanistenkursive, die allerdings weniger Änderungen unterworfen war. Die mittel­alterliche Buchschrift wird in der Neuzeit durch den Druck abgelöst. Die Schriftform ent­wickelt sich nicht mehr in der Schreibstube der Domschule oder des Klosters wie im hohen Mittelalter. Daß die Kunst des Schreibens nicht mehr eine quasi-geistliche Obliegenheit ist, sondern der Praxis dient in der Form der Kursive, wirkt auch auf ihre Ästhetik ein und mindert x) Delitsch, a. a. O. S. 178.

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